Forresters  Bewertung von Anbietern souveräner Cloud-Plattformen macht deutlich: Technische Datenkontrolle allein reicht nicht aus, Sovereignty-Washing ist gang und gäbe. Als warnendes Beispiel dient ein Rechtsstreit um das kanadische Tochterunternehmen von  OVHcloud.

Souveräne Clouds sind vom Nischenthema zum zentralen Wettbewerbsfeld der Cloud-Branche geworden. Im aktuellen Forrester Wave™: Sovereign Cloud Platforms, Q2 2026, verfasst von Analyst Dario Maisto und drei Mitautoren, bewertete Forrester 15 Anbieter und kommt zu dem Schluss, dass kein einzelner Anbieter und kein einzelnes Bereitstellungsmodell alle Souveränitätsanforderungen abdeckt. Manche Angebote am Markt sind laut Forrester kaum mehr sind als „Sovereignty-Washing“.

Laut dem Bericht sind souveräne Cloud-Plattformen keine Produkte von der Stange. Globale Hyperscaler bieten stattdessen mehrere Bereitstellungsmodelle an – Public Cloud mit Datengrenzen, Private Cloud und vollständig abgeschottete Umgebungen –, während regionale Anbieter zwar von Grund auf souverän konzipiert sind, aber nicht die Servicebreite der globalen Konkurrenz erreichen. Forresters zentrale Warnung an Einkäufer: Technische Datenisolation allein genügt nicht. Echte Souveränität erfordere laut Bericht, dass in sich geschlossene Dienste mit physischer, logischer und rechtlicher Unabhängigkeit kombiniert werden – sonst drohen Souveränitätsversprechen, die einer genaueren Prüfung nicht standhalten.

Als Marktführer wurden Google Cloud, Microsoft, Amazon Web Services, Oracle und Tencent Cloud eingestuft. Google Clouds Strategie stützt sich auf drei Plattformen – eine Datengrenze in der Public Cloud, eine dedizierte Private Cloud sowie ein Air-Gapped-Angebot, das als einziges Gemini und Vertex AI mitbringt. Forrester lobt, dass zentrale Dienste über alle drei Plattformen hinweg konsistent verfügbar sind, auch wenn Kunden für einzelne souveräne Kontrollen einen Aufpreis zahlen. Microsoft wurde für seine Souveränität über Cloud, KI und Produktivitätswerkzeuge hinweg ausgezeichnet, einschließlich neuer nationaler Partner-Cloud-Kooperationen mit Bleu und Delos Cloud, die Microsoft 365 und Azure auf unabhängig betriebener Infrastruktur bereitstellen. Forrester merkt jedoch an, dass Kunden Bedenken wegen möglicher Backdoor-Zugriffe im Zusammenhang mit Microsofts Key-Vault-Lösung äußern.

AWS wurde für seine Positionierung „Control Without Compromise“ sowie starke CI/CD- und DevOps-Werkzeuge gelobt, doch Forrester kritisiert, dass der Souveränitätsansatz – verteilt über GovCloud, Top Secret, China, die European Sovereign Cloud, Dedicated Local Zones und AI Factories – fragmentiert statt einheitlich bleibt; die European Sovereign Cloud ist zudem so neu, dass nur ein AWS-Referenzkunde auf Forresters Anfrage reagierte. Oracle sticht dadurch hervor, dass souveräne und nicht-souveräne Dienste identisch bepreist werden, sowie durch ein breites Datenbank- und KI-Portfolio – die Roadmap entwickelt sich jedoch eher marktweise als als kohärente globale Strategie. Tencent Cloud, der einzige chinesische Hyperscaler mit konsequenter Souveränitätsstrategie, wurde als „Customer Favorite“ für seine Datenverwaltungs- und Betriebswerkzeuge über Tencent Cloud Enterprise ausgezeichnet, hat aber durch den Fokus auf Regierungen und regulierte Branchen eine Lücke im Bereich der öffentlichen souveränen Cloud.

Vier Anbieter erreichten die Kategorie „Strong Performers“, darunter eine Gruppe von besonderem Interesse für Käufer im DACH-Raum mit drei deutschen Cloud Spezialisten. T-Systems, gebündelt mit der T Cloud der Deutschen Telekom, entwickelt mit Future Cloud Infrastructure eine VMware-Alternative und wurde von Forrester als starke Wahl für Organisationen mit Kernbetrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingestuft – trotz Kundenkritik an komplexer Preisgestaltung.

STACKIT, seit November 2024 unter der Führung des früheren Google-Deutschland-Chefs Bernd Wagner, stützt sich auf drei Säulen: Datenhaltung ausschließlich in Deutschland und Österreich, wirtschaftliche Unabhängigkeit als Privatunternehmen sowie technische Autonomie auf Open-Source-Basis – wobei Forrester anmerkt, dass das Produktangebot noch hinter größeren Wettbewerbern zurückbleibt und Kunden unangekündigte GPU-Wartungsausfälle bemängeln.

SAPs souveräne Cloud, erweitert durch die Tochtergesellschaft Delos Cloud und KI-Partnerschaften mit OpenAI, Mistral und Cohere, wurde bei Serverless- und Integrationsdiensten solide bewertet, es fehle jedoch an einer klaren, zukunftsgerichteten Souveränitätsvision.

Das indische Unternehmen NxtGen Cloud Technologies rundet die Gruppe der Strong Performer mit einem auf Regierung und Finanzdienstleistungen fokussierten souveränen KI-Stack ab, der laut Forrester außerhalb Indiens noch nicht skaliert.

Unter den sechs „Contenders“ spricht der Bericht die deutlichste Warnung im Fall OVHcloud aus: Kanadische Behörden sollen die kanadische OVHcloud-Einheit angewiesen haben, Daten herauszugeben, die physisch in Frankreich gespeichert sind – ein Dilemma zwischen Verstoß gegen französisches Recht oder dem Gerichtsurteil in Kanada. Forrester wertet dies als Beispiel dafür, wie sich Souveränitätsversprechen in der Praxis auflösen können, sobald grenzüberschreitende Rechtszuständigkeiten auf die Probe gestellt werden.

Huawei Cloud erzielte 2024 zwar über 55 Milliarden US-Dollar Umsatz im Public-Cloud-Geschäft, wird aber durch US-Chip-Sanktionen und den EU-Ausstieg aus Huawei-Netzwerktechnik ausgebremst. S3NS, das Gemeinschaftsunternehmen von Thales und Google Cloud mit SecNum-Cloud-Zertifizierung seit Dezember 2025, sowie IBM, das sich nun auf ein OpenShift-basiertes „Sovereign Core“ konzentriert, schnitten bei den aktuellen Fähigkeiten schwächer ab, gelten aber als langfristig aussichtsreich. Vultr rundet die Gruppe der Contender mit günstiger, isolierter regionaler Infrastruktur ab.

Forrester stützte seine Bewertung auf Anbieterfragebögen, Produktdemonstrationen, Briefings und Referenzgespräche mit Kunden, die bis zum 27. Januar 2026 eingereicht wurden; Huawei Cloud, IBM, OVHcloud und Vultr nahmen nicht vollständig teil, weshalb ihre Einstufung stärker auf öffentlichen Informationen und unabhängiger Recherche beruht. Für Unternehmen im DACH-Raum, die DSGVO-Vorgaben, branchenspezifische Compliance und geopolitische Risiken abwägen, lautet die zentrale Botschaft des Berichts: Entscheidend ist die rechtliche und operative Unabhängigkeit hinter einem Souveränitätsversprechen – nicht allein der Serverstandort.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner