Der Konflikt zwischen Iran und den USA geht in den fünften Monat. Dabei nehmen Marschflugkörper und Drohnen ein neues Ziel ins Visier: die physische Infrastruktur hinter Amazon Web Services in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Konflikt reicht damit tief in die Cloud hinein.
Fünf Monate nach der Eskalation des Konflikts mit den Vereinigten Staaten hat die iranische Revolutionsgarde (IRGC) ihre Angriffe über Tanker und Militärbasen hinaus auf ein neues Ziel ausgeweitet: die physische Infrastruktur hinter Amazon Web Services. Wiederholte Drohnen- und Raketenangriffe auf AWS-Standorte in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben Cloud-Kapazitäten in der Region lahmgelegt und zeigen exemplarisch, wie digitale Infrastruktur zur Frontlinie moderner Kriegführung geworden ist, wie eine Untersuchung von Cloudflare zeigt.
Internet im Iran immer noch nicht voll hergestellt
Ab dem 26. Mai verzeichnete Cloudflare Radar erste Anzeichen für die zuvor angekündigte Wiederherstellung des Internetzugangs im Iran – das vorläufige Ende einer 88-tägigen Sperre, durch die das Land seit dem 28. Februar fast vollständig vom Netz abgeschnitten war. Am 27. Mai registrierte Cloudflare Radar, dass der Datenverkehr auf 40 % des Niveaus vor der Sperre wiederhergestellt worden sei – eine teilweise Wiedereröffnung. Dies stimmt mit Berichten überein, wonach der Zugang nicht auf einmal, sondern selektiv wiederhergestellt wurde. Seitdem ist das HTTP-Datenvolumen auf bis zu 90 % angestiegen, bevor es sich wieder auf etwa 59 % des Niveaus vor der Sperre einpendelte. Dieses Volumen entspricht dem Datenverkehr, den Cloudflare im Februar beobachtet hat, einem Zeitraum zwischen dieser jüngsten Sperre und einer früheren im Januar. Das deutet darauf hin, dass die Konnektivität eher auf ein Niveau zurückgekehrt ist, das dem letzten Stand vor der Sperre ähnelt, als dass sie sich vollständig normalisiert hat.
Angriffe auf Rechenzentren
Iran seinerseits begann im März 2026 mit Drohnenangriffen auf AWS-Einrichtungen in den VAE. Auch ein nahegelegener Standort in Bahrain war betroffen, was Stromausfälle und Serviceunterbrechungen zur Folge hatte. Bis April hatten anhaltende Angriffe Amazon dazu veranlasst, seine Cloud-Regionen im Nahen Osten in den Status „Hard-Down“ zu versetzen und Kunden zur Migration ihrer Workloads zu raten. AWS bestätigte laut Unternehmensangaben, dass die Region me-central-1 in den VAE durch den regionalen Konflikt beschädigt worden sei und Kundenanwendungen nicht mehr zuverlässig unterstützen könne.
Netzwerkdaten von Cloudflare Radar bestätigten den Ausfall: Der HTTP-Datenverkehr in die Region blieb in den folgenden Wochen anhaltend niedrig — ein Indiz für physische Schäden und nicht für eine gewöhnliche Netzwerkstörung.
Der schwerwiegendste Vorfall ereignete sich im Juli, als die IRGC laut der iranischen Nachrichtenagentur Fars erklärte, mit Marschflugkörpern die zentrale AWS-Dateninfrastruktur in der Zalak-Anlage in Bahrain getroffen und zerstört zu haben. Unabhängige Konfliktbeobachter und Satellitenbilder sollen sichtbare Schäden am Standort bestätigt haben, wobei Amazon und die bahrainischen Behörden das Ausmaß der Zerstörung zunächst nicht bestätigten.
Iranische Vertreter stellten die Angriffe als Vergeltung für vorangegangene US-Angriffe auf das iranische Nuklearprogramm dar und argumentierten, die Rechenzentren unterstützten amerikanische und alliierte Militäroperationen in der Region. AWS bestätigte regionale Serviceunterbrechungen und erklärte, rund um die Uhr arbeitende Teams zum Schutz der verbleibenden Infrastruktur eingesetzt zu haben, äußerte sich jedoch kaum zu konkreten militärischen Angriffen.
Die Angriffe auf die Cloud-Infrastruktur sind Teil eines umfassenderen Konfliktes, der wieder aufflammte, nachdem US-Präsident Donald Trump den vorangegangenen Waffenstillstand für „beendet“ erklärt hatte — gefolgt von 13 aufeinanderfolgenden Nächten US-amerikanischer Angriffe auf Iran, die laut US-Angaben darauf abzielten, Irans Fähigkeit zur Bedrohung der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu schwächen.
Der Verkehr durch die Meerenge, über die normalerweise rund ein Viertel des weltweiten Seehandels mit Öl abgewickelt wird, brach deutlich ein, da Schiffe ihre Transponder abschalteten — auch wenn die Trump-Regierung weiterhin erklärte, die Wasserstraße bleibe unter militärischer Eskorte geöffnet. Die Ölpreise stiegen entsprechend, wobei die Sorte Brent erstmals seit über einem Monat die Marke von neunzig Dollar je Barrel überschritt.
Analysten beschreiben die entstandene Pattsituation als eine gegenseitiger Grenzen. Die Vereinigten Staaten haben laut Schätzungen des Thinktanks CSIS einen erheblichen Teil ihrer Bestände an Tomahawk- und Jassm-Marschflugkörpern verbraucht, während die Reserven an Patriot-Abwehrraketen um etwa die Hälfte aufgebraucht wurden — was Fragen aufwirft, wie lange Washington Angriffe fortsetzen kann, während es gleichzeitig seine Stützpunkte am Golf verteidigen muss.
Iran wiederum hat gezeigt, dass es genügend Raketen- und Drohnenkapazitäten aufrechterhalten kann, um den kommerziellen Schiffsverkehr und offenbar auch Cloud-Infrastruktur zu bedrohen, ohne die amerikanischen Streitkräfte direkt besiegen zu müssen. Diese Asymmetrie, so ein Nahost-Experte, habe Irans eigene Definition von „Sieg“ bereits von reinem Überleben hin zu einer Art Hebelwirkung über die Meerenge verschoben.
Ob dieser Hebel Bestand hat, ist eine andere Frage. Die iranische Wirtschaft, bereits durch jahrelange Sanktionen geschwächt, hat laut Schätzungen Konfliktsschäden in Höhe von 150 bis 270 Milliarden Dollar erlitten, und Beobachter warnen, Teheran könne ohne eine endgültige Einigung mit Washington nicht wieder aufbauen.
Dennoch verdeutlicht die Ausweitung des Konflikts auf Cloud-Rechenzentren einen breiteren Wandel: Kritische digitale Infrastruktur, lange als ziviles Rückgrat abseits des Schlachtfelds betrachtet, wird zunehmend als eigenständiges strategisches Ziel angegriffen.
Das Risiko beschränkt sich nicht auf die Straße von Hormus. Die mit Teheran verbündeten Huthi-Kräfte im Jemen haben ihre eigene Kampagne im Roten Meer ausgeweitet, ein Seeembargo gegen Saudi-Arabien verhängt und eine Raffinerie in der saudischen Stadt Jizan angegriffen — womit sie die Pipeline-Route bedrohen, über die Riad Hormus umgeht.
Eine gleichzeitige Störung beider Nadelöhre wäre laut einem Sicherheitsexperten katastrophal für die Weltwirtschaft. Für Unternehmen, die auf AWS-Regionen am Golf setzten, ist die Lehre bereits angekommen: Cloud-Resilienzplanung muss künftig nicht nur Hardwareausfälle und Naturkatastrophen berücksichtigen, sondern auch die Möglichkeit, dass ein Rechenzentrum selbst zum militärischen Ziel wird.
Kunden mit Workloads in AWS me-central-1 oder Bahrain haben in den vergangenen Monaten in kostspieligen und störanfälligen Prozessen auf alternative Regionen migriert — ein Szenario, das kaum eine Architekturplanung noch vor einem Jahr vorhergesehen hatte. Ob die derzeitige Pause der US-Angriffe bis in den Herbst hält oder die Kampfhandlungen erneut aufflammen, wird bestimmen, wie umfangreich diese Migration noch ausfallen muss.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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