Telekomführungskräfte sind sich weitgehend einig, dass Konnektivität zur Commodity geworden ist und KI-native Dienste die Zukunft sind. Doch langsame Innovation, zurückhaltende Infrastrukturinvestitionen und eine wacklige digitale Kultur zeigen, dass der Ehrgeiz der Branche ihrer tatsächlichen Bereitschaft voraus ist.

Die Telekombranche scheint sich entschieden zu haben, wohin ihre Zukunft führt – auch wenn der Weg dorthin noch unklar ist. Laut dem HCLTech Telecom Pulse Survey Report, der gemeinsam mit Mobile World Live erstellt wurde, stimmen 69 Prozent der Befragten zu oder voll zu, dass Konnektivität mittlerweile eine Commodity ist und neue Servicemodelle nötig sind, um die Margen zu sichern. Nur 7 Prozent widersprachen.

Die Umfrage unter 122 Mobilfunk-Stakeholdern entstand vor dem Hintergrund erheblichen strukturellen Drucks. Laut PwC-Zahlen im Bericht sollen die globalen Telekomumsätze zwischen 2025 und 2028 nur um durchschnittlich 2,9 Prozent pro Jahr wachsen – unterhalb der Inflationsrate – und dabei 1,3 Billionen US-Dollar erreichen. GSMA Intelligence schätzt, neue Unternehmensmärkte könnten den Betreibern mehr als 400 Milliarden US-Dollar an adressierbarem Wert eröffnen – fast ein Drittel der heutigen Unternehmensumsätze.

Vor diesem Hintergrund beschreibt der Bericht den Übergang vom „Telco“ zum „TechCo“ – einen Wandel hin zu KI-nativen, cloudbasierten und plattformgetriebenen Geschäftsmodellen – weniger als Option denn als Überlebensfrage.

KI-Investitionen übertreffen die KI-Bereitschaft

Die Befragten sind weitgehend von der kommerziellen Relevanz künstlicher Intelligenz überzeugt. Sechs von zehn bewerten KI und fortgeschrittene Analytik als hohen oder sehr hohen Treiber künftiger Umsätze, mit einem Durchschnittswert von 3,74 von 5. Generative KI und große Sprachmodelle führen die Liste der aktiv erprobten oder eingeführten Technologien an, genannt von 59 Prozent, vor plattformbasierten, API-first-Architekturen mit 52 Prozent und privater 5G- beziehungsweise Industrie-IoT-Konnektivität mit 45 Prozent.

Doch die Begeisterung hat sich nicht in umfassende Umsetzung übersetzt. Nur 25 Prozent bewerten ihre Bereitschaft, KI-gestützte, cloud-native Dienste für Unternehmenskunden bereitzustellen, als hoch, 38 Prozent als moderat und 37 Prozent als niedrig. Die Investitionen in Edge Computing und Netzverdichtung – Grundlage für Digitaldienste der nächsten Generation – bleiben zurückhaltend: 40 Prozent beschreiben ihr Engagement als niedrig oder nicht vorhanden, nur 6 Prozent berichten vom höchsten Niveau.

Langsame Innovation ist das größte Hindernis

Auf die Frage, was sie daran hindert, Umsätze aus höherwertigen Diensten zu generieren, nannten die Befragten zunächst interne Faktoren statt Technologie. 49 Prozent nannten langsame Produkt- und Serviceinnovation als Hauptbarriere, gefolgt von Kosten und Einschränkungen durch Altsysteme mit 39 Prozent sowie fehlenden Spezialkenntnissen mit 40 Prozent. Schwaches Partner- und Ökosystem-Engagement war mit 38 Prozent die meistgenannte externe Einschränkung. Dagegen nannten nur 6 Prozent cloud-native Netzwerkfunktionen oder Microservices-Architekturen als Hindernis – ein Hinweis darauf, dass organisatorische Agilität und Talente, nicht technische Fähigkeiten, der Engpass der Branche sind.

Dieser Engpass zeigt sich auch beim tatsächlichen Produktoutput. 52 Prozent der Befragten haben im vergangenen Jahr zwischen zwei und fünf neue digitale Produkte oder Dienste jenseits der Kernkonnektivität eingeführt, 27 Prozent nur eines oder keines. Lediglich 4 Prozent berichteten von mehr als 21 Einführungen.

Kultur und Kompetenzen hinken den Ambitionen hinterher

Die Umfrage zeichnet ein gemischtes Bild der organisatorischen Reife für den Wandel. Nur 32 Prozent bewerten ihre Unternehmenskultur als stark oder sehr stark im Hinblick auf digitale und KI-Transformation, während 49 Prozent sie als moderat und 18 Prozent als schwach einstufen. Kompetenzlücken verschärfen die Herausforderung: 38 Prozent der Organisationen schätzen, dass zwischen einem Viertel und der Hälfte der Belegschaft in den kommenden drei Jahren erheblich weitergebildet werden muss, 31 Prozent erwarten sogar die Hälfte bis drei Viertel. Widerstand gegen Veränderung und unzureichende Trainingswege nannten je 46 Prozent der Befragten als zentrale Personalherausforderungen.

Partnerschaften gelten zunehmend als unverzichtbar statt optional. 49 Prozent bezeichnen Partnerschaften mit Cloud-Anbietern, KI-Plattformen, Systemintegratoren und Softwareanbietern als sehr bedeutend oder kritisch für ihre Strategie, wobei Plattform- und API-Integrationen mit 51 Prozent die gefragteste Form der Zusammenarbeit sind.

Bei der Erfolgsmessung dominieren Kosteneinsparungen und operative Effizienz als wichtigster KPI, genannt von 60 Prozent der Befragten – fast doppelt so viele wie bei Kundenerfahrung oder Mitarbeiterproduktivität mit je 36 Prozent.

„Die Umfrage zeigt vergleichsweise geringe Investitionen in Edge- und Next-Generation-Netzwerkfähigkeiten“, so Vishal Lathar, Executive Vice President und Head of Telecom Vertical – Americas bei HCLTech, laut dem Bericht. „Die Branche muss die Chance nutzen, ihre Infrastruktur zu transformieren und den vollen Wert KI-gestützter Dienste zu erschließen.“

Insgesamt bleibt die Zuversicht, dass bestehende Betriebsmodelle mit dem Tempo des KI-getriebenen Wandels mithalten können, verhalten: 42 Prozent bewerten ihr Vertrauen mit einem moderaten Wert von 3 von 5, während annähernd gleich große Gruppen hohes (30 Prozent) und niedriges Vertrauen (28 Prozent) angeben.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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