Künstliche Intelligenz verspricht, Unsicherheit vom Schlachtfeld zu verbannen. Doch die Einsichten von Carl von Clausewitz zu Friktion und dem politischen Charakter des Krieges bleiben unverzichtbare Leitlinien für Strategie in einer Ära von Algorithmen, autonomen Systemen und Informationskrieg.

Fast zwei Jahrhunderte nach Carl von Clausewitz bahnbrechendem Werk Vom Kriege ringen Militärplaner weiterhin mit seinen Kernideen. Heute dreht sich die Debatte darum, ob künstliche Intelligenz den „Nebel des Krieges“ endgültig lichten und Friktion eliminieren kann. Der Begriff „Nebel des Krieges“ stammt zwar nicht von Clausewitz, ist aber in seinem Grundkonzept bereits enthalten. Clausewitz wörtlich: „Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt.“ Erfahrungen aus jüngsten Konflikten zeigen: KI verändert den Charakter der Kriegführung, lässt aber deren Wesen und die nach wie vor vorhandenen Unsicherheiten unberührt.

Moderne Streitkräfte streben seit Langem nach Informationsüberlegenheit. Von den Sensornetzen im Vietnamkrieg über die Revolution in Military Affairs der 1990er-Jahre bis zu heutigen KI-gestützten Zielsystemen wie Project Maven blieb die Aspiration gleich: alles sehen, alles verstehen und schneller zuschlagen als der Gegner reagieren kann. Befürworter träumten von einer „einzigen Glasscheibe“, die den Nebel des Krieges auflösen würde.

Die Realität erwies sich als hartnäckiger. Clausewitz beschrieb Friktion als die Summe kleiner Vorfälle, Zufälle und menschlicher Grenzen, die Leistung hinter Plänen zurückbleiben lassen. Der Nebel des Krieges umfasst physische Unklarheit ebenso wie kognitive Verwirrung. Gegner verdichten diesen Nebel aktiv durch Tarnung, Täuschung und digitale Manipulation wie Deepfakes, Datenvergiftung und algorithmische Einflussoperationen.

KI bringt zwei neue Nebelschichten. Erstens ist der Informationsraum selbst zum umkämpften Schlachtfeld geworden. Gefälschte Videos und Narrative können öffentliche Meinung anheizen und Druck auf Führungskräfte ausüben, doch ihre strategische Wirkung wird oft überschätzt. Zweitens verstärkt der Drang nach Geschwindigkeit von der Erkennung bis zur Vernichtung des Feindes die Risiken. Systeme, die Zielzyklen komprimieren, steigern Effizienz, können aber veraltete oder fehlerhafte Aufklärung festschreiben. In Gaza produzierten KI-gestützte Zielbanken hohe Zahlen ausgeschalteter Feindziele, trugen jedoch auch zu zivilen Opfern bei. Prüfungen der israelischen Streitkräfte (IDF) blieben oberflächlich.

Friktion lässt sich nicht wegtechnisieren, auch weil Menschen im Loop bleiben mit all ihren kognitiven Grenzen und politischen Zwecken. Nichtlineare Dynamik, unvollständige Information und der kompetitive Charakter des Krieges machen absolute Transparenz zur Illusion. Entscheidend ist die relative Friktionsbalance zwischen den Parteien.

Das Schwerpunktkonzept gerät unter ähnlichen Druck. Im Zeitalter professionalisierter Kriegführung bot es eine nützliche Analogie für konzentrierte Stärke. Industrialisierte und nun digitalisierte Kriegführung mit Multi-Domain-Operationen, globaler Reichweite, Cyber, Weltraum und elektromagnetischem Spektrum machen einzelne oder sogar mehrere Schwerpunkte weit schwerer identifizierbar. Planer brauchen breitere analytische Werkzeuge, die Stärken, Schwächen, kritische Fähigkeiten und Verwundbarkeiten über Domänen hinweg abbilden, statt ein veraltetes Modell zu pressen.

Doch die tiefere Einsicht von Clausewitz bleibt bestehen. Krieg ist weiterhin ein politischer Akt, ein Duell entgegengesetzter Willen, geprägt von Leidenschaft, Zufall und Vernunft. KI kann riesige Datenmengen verarbeiten, Entscheidungszyklen beschleunigen und „Präzisionsmasse“ ermöglichen, doch politische Motive und strategischen Kontext erfasst sie nicht. Übermäßige Abhängigkeit von algorithmischer Geschwindigkeit riskiert, die „Grammatik“ der Kriegführung von ihrer politischen Logik zu entkoppeln und Fehleinschätzungen sowie Eskalation zu begünstigen.

Der praktische Weg führt über Human-Machine-Teaming, das politisches Urteil bewahrt, robuste Verifikation von KI-Ergebnissen, adaptive Beschaffung und militärische Ausbildung, die KI-Wissen aufbaut. Die fortlaufende Innovation der Ukraine bei Drohnen und Software zeigt, wie Technologie genutzt werden kann, ohne strategische Umsicht aufzugeben. Geschwindigkeit entscheidet manchmal, zu anderen Zeiten verhindert bewusste Prüfung kostspielige Fehler.

Clausewitz wusste, dass die besten Strategien Friktion akzeptieren und entsprechend planen. Im Zeitalter der KI ist diese Lektion nicht überholt. sondern sie ist dringlicher geworden.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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