Auf seiner Hausmesse Accelerate hat Everpure seine Plattform um eine organisatorisch eigenständige Data-Intelligence-Sparte erweitert und mehrere Speicherprodukte zur Marktreife gebracht. Der Umbau bringt neue Vertriebspartner und ungelöste Governance-Fragen für autonome KI-Agenten mit sich.

Auf seiner Hausmesse Accelerate in Las Vegas hat der Storage-Anbieter Everpure (NYSE: P) eine umfassende Überarbeitung seiner Enterprise-Data-Cloud-Plattform vorgestellt. Im Zentrum steht ein Strategiewechsel: Statt sich an Anwendungen zu orientieren, baut das Unternehmen seine Architektur künftig um die Daten selbst herum auf. Auslöser ist der wachsende Einsatz von KI-Agenten, die anders als klassische Software quer über Systemgrenzen hinweg auf Informationen zugreifen müssen, statt sich mit dem Datenausschnitt einer einzelnen Anwendung zu begnügen.

In der bisherigen, anwendungszentrierten IT lag jede Information dort, wo die jeweilige Fachanwendung sie ablegte. Wechselten Daten den Kontext, entstand eine weitere Kopie, und ETL-, MDM- und BI-Werkzeuge kümmerten sich im Nachhinein um den Abgleich. Für KI-Agenten reicht dieses Modell nach Einschätzung von Everpure nicht mehr aus, da sie ein aktuelles, system­übergreifendes Bild der Unternehmensdaten benötigen und nicht nur den Ausschnitt einer einzelnen Anwendung.

Konkret stützt sich der Umbau auf drei Bausteine: eine Data-Intelligence-Schicht, eine vereinheitlichte Speicherebene und eine intelligente Steuerungsebene für die gesamte Infrastrukturflotte.

Den auffälligsten Schritt markiert die Umbenennung von 1touch.io, einer vor einiger Zeit zugekauften Firma, in Everpure Data Intelligence. Die Lösung durchsucht, klassifiziert und kontextualisiert Unternehmensdaten an ihrem jeweiligen Speicherort – über mehr als 300 Datenbank-Konnektoren, Dateifreigaben und S3-Buckets hinweg. Sie ordnet Rohdaten ihrer geschäftlichen Bedeutung zu und unterstützt damit auch Berichtspflichten etwa im Kontext der DSGVO. Bemerkenswert ist, dass Everpure dieses Geschäft organisatorisch von der klassischen Speicherinfrastruktur trennt: Es soll als eigenständiges Feld neben dem Storage-Kerngeschäft wachsen, mit eigener Klassifizierungslogik und kundenspezifischen Policies.

Auf der Speicherebene erweitert Everpure das FlashArray//XL 190 um den Purity-Turbo-Modus, der zusätzliche Leistung aus bestehender Hardware herausholt – etwa für Lese-Workloads, die ein einzelnes System aktuell überlasten. Mit Everpure Data Stream, ab sofort allgemein verfügbar, vereinfacht der Anbieter den Aufbau von Datenpipelines für Retrieval-Augmented Generation: Extraktion und Transformation unstrukturierter Daten laufen auf dem Software-Stack von Nvidia, die Skalierung reicht von FlashBlade//S bis in den Exabyte-Bereich mit FlashBlade//EXA. Im Juli soll zudem die allgemeine Verfügbarkeit von Everpure Cloud Azure Native Virtual Machines folgen, die sich wie ein nativer Azure-Dienst verwalten lassen. Ergänzt wird das Angebot um Evergreen//One Overdrive: Kunden legen ihre eigenen Leistungs- und Kapazitätsgrenzen fest, können diese bei Bedarf kurzfristig überschreiten und zahlen dabei nur für die tatsächlich genutzten Ressourcen – eine Abwägung zwischen Kosten und Risiko, die laut Unternehmensangaben ab dem dritten Quartal verfügbar sein soll.

Die dritte Säule, die Intelligent Control Plane, soll Hunderte Speichersysteme über eine einzige Oberfläche, API oder Kommandozeile steuerbar machen und damit der Klage vieler Kunden begegnen, zu viele Anwendungen, Plattformen und Datensilos parallel verwalten zu müssen. Dazu gehören automatisierte Compliance-Überwachung, Lastverteilung zwischen Systemen ohne Ausfallzeit sowie agentenbasierte Workflows über das Model Context Protocol. Offen bleibt dabei, wie weit sich Governance und Sicherheit für autonom handelnde Agenten tatsächlich automatisieren lassen – ein Punkt, den auch Everpure selbst als eine der schwierigsten ungelösten Aufgaben in diesem Umbau einordnet.

Auffällig ist außerdem ein Wechsel im Vertrieb: Die neue Data-Intelligence-Sparte adressiert nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld größtenteils andere Ansprechpartner als das bisherige Storage-Geschäft und läuft verstärkt über indirekte Kanäle. In Deutschland sollen dafür neben etablierten Systemhäusern wie SVA, Computacenter und Bechtle auch neue, kleinere Boutique-Partner eine Rolle spielen – ein Hinweis darauf, dass der Anbieter für das neue Geschäftsfeld andere Vertriebskompetenzen für nötig hält als für klassische Speicherinfrastruktur.

Begleitend dazu bringt Everpure im Juli den sogenannten EDC Success Blueprint auf den Markt, eine dreistufige Methodik aus Selbsteinschätzung, branchenspezifischen Leitfäden und einem moderierten Workshop. Sie soll Kunden helfen, den eigenen Reifegrad entlang von zehn Kategorien – von Cloud-Agilität bis Cyber-Resilienz – einzuordnen und daraus einen Fahrplan für die Migration abzuleiten. Für Bestandskunden ist das vor allem deshalb relevant, weil der Wechsel von einer anwendungs- zu einer datenzentrierten Architektur nicht allein eine technische Umstellung ist, sondern auch Zuständigkeiten zwischen IT-, Sicherheits- und Fachabteilungen neu sortiert.

Für Unternehmen, die ihre KI-Strategie auf diese Architektur stützen wollen, bleibt die Grundfrage bestehen, die Everpure selbst in seinen Unterlagen aufwirft: Große Sprachmodelle sind nicht automatisch für jeden Unternehmenskontext geeignet, und die Qualität der zugrunde liegenden Daten entscheidet stärker über den Erfolg als die Größe des Modells. Bevor sich Projekte von einzelnen Sprachmodellen zu unternehmensweiten KI-Fabriken skalieren lassen, müssen Firmen nach Einschätzung des Anbieters zunächst überhaupt Sichtbarkeit darüber gewinnen, welche Daten sie besitzen, wo diese liegen und wie sie zusammenhängen – eine Bestandsaufnahme, die in vielen IT-Abteilungen noch aussteht.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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