Mit der offiziellen Übergabe eines gemeinsamen Abschlussberichts an die Regierungen beider Länder hat der deutsch-französische KI-Dialog ein klares Zeichen gesetzt: Europa soll technologisch souverän, wirtschaftlich wettbewerbsfähig und regulatorisch vertrauenswürdig im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden. Der Report, erarbeitet von Fraunhofer-Gesellschaft, Inria und IMT, legt sieben strategische Handlungsfelder fest und richtet sich an Industrie, Wissenschaft und Politik gleichermaßen.
Am 17. April 2026 fand im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium in Paris ein Ereignis statt, das die europäische KI-Landschaft nachhaltig prägen könnte. Im Rahmen des Deutsch-Französischen Forums für Industrielle KI wurde der Abschlussbericht des bilateralen KI-Dialogs offiziell an hochrangige Vertreter beider Regierungen überreicht: Thomas Courbe, Abteilungsleiter für Unternehmen auf französischer Seite, und Dr. Beate Baron, Abteilungsleiterin für Industriepolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, nahmen das Dokument entgegen.
Vorgestellt wurde der Bericht von den Leitenden dreier renommierter Forschungsorganisationen: Bruno Sportisse (Präsident und CEO von Inria), Boris Otto (Institutsleiter des Fraunhofer ISST und Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds IUK-Technologie) sowie Cécile Dubarry (geschäftsführende Präsidentin des IMT). Ihre gemeinsame Präsentation unterstrich, dass technologische Stärke, wirtschaftspolitisches Denken und wissenschaftliche Exzellenz Hand in Hand gehen müssen.
Breite Basis: Mehr als hundert Akteure beteiligt
Der Report ist das Ergebnis eines aufwendigen Dialogprozesses, der im Januar 2025 unter Federführung der französischen Botschaft in Berlin initiiert wurde. In speziellen Branchenworkshops wurden über hundert Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, angewandter Forschung und Universitäten beider Länder eingebunden. Sie identifizierten konkrete Anwendungsszenarien und Investitionsprioritäten für KI in Europa – ein Prozess, dessen Ergebnisse erstmals im November 2025 auf dem Adopt AI Summit der Öffentlichkeit präsentiert wurden.
Die gemeinsamen Herausforderungen, die dabei herausgearbeitet wurden, sind vielschichtig: Es geht um den Abbau regulatorischer Hürden, die Stärkung der KI-Infrastruktur, den Ausbau europäischer Rechenkapazitäten, den gesicherten Zugang zu erneuerbaren Energien und die Qualifizierung von Fachkräften. Beide Länder sind fest entschlossen, KI-Lösungen zu fördern, die nicht nur leistungsstark, sondern auch vertrauenswürdig sind.
Sieben Handlungsfelder – ein klarer Kompass für die Industrie
Der Bericht gliedert sich in sieben strategische Handlungsfelder, die einen strukturierten Überblick über die Bedarfe und die auf europäischer Ebene in Bewegung zu setzenden Hebel geben:
- Digitale und IT-Infrastruktur: Aufbau robuster europäischer Cloud-, Netzwerk- und Rechensysteme mit Fokus auf Interoperabilität und Energieeffizienz.
- Staatliche Souveränität und rechtlicher Rahmen: Harmonisierung von Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität bei der Umsetzung europäischer KI- und Datenregulierung.
- Gesundheit: Beschleunigte KI-Adoption durch besseren Datenzugang, Interoperabilität und validierte Lösungen zur Verbesserung der Versorgung.
- Produktion: KI-Integration in industrielle Prozesse, besonders in KMU und Mittelstand, zur Optimierung, Resilienz und Kompetenzstärkung.
- Medien: Schutz von Informationssouveränität und Geschäftsmodellen; Regulierung des KI-Trainings mit journalistischen Inhalten.
- Energie: KI zur Optimierung von Energiesystemen und Förderung nachhaltiger, emissionsärmerer Modelle – u. a. durch dedizierte Sprachmodelle (LLMs).
- Agrar- und Lebensmittelsektor: KI für mehr Leistung, Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Einspeisung in IPCEI AI: Europäische Projekte stärken
Der Bericht versteht sich nicht als akademisches Papier, sondern als Handlungsgrundlage. Die Vorschläge sollen direkt in das IPCEI AI (Important Project of Common European Interest) einfließen und damit zur Ausgestaltung strategischer Industrieprojekte auf europäischer Ebene beitragen. Indem Industriebedarfe unmittelbar in Roadmaps und Förderprogramme übersetzt werden, soll die Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen KI-Rennen gestärkt werden.
Die gebündelte Fachkompetenz der drei Organisationen bei technischen Innovationen sowie bei Wirtschafts- und Governance-Modellen für datengetriebene Wertschöpfung gilt dabei als wirkungsvolle Ergänzung zur Strategie «European AI Continent» der EU-Kommission.
Signal für Europa
Der deutsch-französische KI-Dialog ist mehr als ein bilaterales Projekt – er ist ein Signal an ganz Europa. In einer Zeit, in der die USA und China massiv in KI investieren, zeigen Deutschland und Frankreich, dass ein gemeinsamer europäischer Weg möglich ist: souverän, wettbewerbsfähig und wertebasiert.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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