Christina Schönfeld, Director of Sales DACH & CEMEA bei Algolia, über die Positionierung zwischen Open Source und Out-of-the-Box-Lösungen, die Rolle von KI und MCP, Datenschutz mit europäischen Wurzeln sowie das Wachstum im DACH-Markt.
Christina Schönfeld, Director of Sales DACH & CEMEA bei Algolia, weiß genau, womit sie es zu tun hat: mit einem Markt, der Search & Discovery lange unterschätzt hat und nun im KI-Zeitalter aufholt.
Algolia versteht sich als Search and Discovery Platform. Das bedeutet: Unternehmen nutzen die Lösung, um Inhalte und Produkte auf ihren Webseiten oder in Apps auffindbar zu machen – für Endnutzer, aber zunehmend auch für Bots und KI-Agenten. Das Unternehmen mit französischen Gründern und Hauptsitz in Paris beschäftigt weltweit mehr als 700 Mitarbeitende und hat sich als API-First-Anbieter positioniert, der weder die Komplexität reiner Open-Source-Lösungen noch die Starrheit einfacher Out-of-the-Box-Produkte mitbringt.
„Wir haben schon immer in der Mitte gespielt“, sagt Schönfeld. „API-First bedeutet für uns: viel Transparenz, viel Kontrolle – und die Möglichkeit, wirklich jeden im Unternehmen zu befähigen, Dinge zu bauen.“ In der von ihr bewusst englisch formulierten Unternehmensphilosophie ‚for the builders‘ steckt nicht nur ein Produkt-Anspruch, sondern auch eine Markteinschätzung: Mit dem Aufkommen generativer KI können plötzlich viel mehr Menschen technische Themen anpacken. Und Algolia, so ihre Überzeugung, passt genau dazu.
Auf der OMR in Hamburg, von wo Schönfeld kurz vor dem Gespräch zurückgekehrt ist, wurden diese Entwicklungen besonders spürbar. Partner wie Commercetools und Akeneo waren am gemeinsamen Stand vertreten; die Gespräche kreisten fast ausnahmslos um KI. Dabei zeichnet sie zwei Kundentypen: Die einen halten KI noch für weit entfernt und brauchen handfeste Einstiegspunkte. Die anderen experimentieren bereits intensiv – und stellen sich die Frage, wie sie zu einer echten Conversational Shopping Experience kommen. „Beide müssen wir abholen, aber auf sehr unterschiedliche Weise“, sagt Schönfeld.
Für die KI-aufgeschlossenen Kunden hat Algolia mit dem Agent Studio eine Antwort entwickelt: Ein Business-Nutzer kann damit direkt auf der eigenen Webseite einen Chatbot aufsetzen, der auf definierten Indizes und Produktdaten basiert – inklusive konfigurierbarer Sprache und Jargon des jeweiligen Unternehmens. Algolia fungiert dabei als Retrieval Engine: Die Plattform liefert die Datenbasis, der Chatbot die Konversation. Schönfeld betont, dass man dabei erst an der Oberfläche dessen kratze, was möglich sei.
Bemerkenswert ist auch, dass Algolia zu den ersten Anbietern gehörte, die einen MCP-Server (Model Context Protocol) veröffentlichten – also eine Schnittstelle, über die KI-Agenten standardisiert auf externe Datenquellen zugreifen können. „Das zeigt, wie früh wir in diesen Entwicklungen dabei sind“, sagt Schönfeld. Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen an seiner Composition API, die unter anderem Retail Media beflügeln soll, sowie an erweitertem Event Tracking und Session-Personalisierung.
Ein wichtiges Differenzierungsmerkmal sieht Schönfeld in der europäischen DNA des Unternehmens – besonders wenn es um Datenschutz und Security geht. Als das DSGVO-Thema in den deutschen Markt drängte, war Algolia schon vorbereitet: Gemeinsam mit der französischen General Counsel und dem VP Infrastructure & Security wurden Datenflussprozesse dokumentiert und DPA-Verträge aufgesetzt. „Wir hören genau zu, was Kunden brauchen. Rechtliche Absicherung ist für viele eine Grundvoraussetzung, keine Kür. Dasselbe Prinzip gilt heute für KI-Daten: Kunden behalten Kontrolle, Daten werden schnell gelöscht, und der AI Act wird selbstverständlich mitgedacht.“
Dass Analystenurteile im deutschen Markt eine besondere Bedeutung haben, ist Schönfeld aus eigener Erfahrung bekannt. Sie erinnert sich an eine frühe Situation, in der ein überzeugendes Evaluierungsteam am Veto eines Geschäftsführers scheiterte – schlicht weil er den Namen Algolia nicht kannte. „Das war für mich ein Humbling-Moment. Als dann der Gartner Magic Quadrant erschien und wir darin oben standen, war ich sehr erleichtert.“ Heute hilft die Einordnung durch Gartner, IDC und Forrester spürbar – gerade in der mittelstandsgeprägten DACH-Region.
Im DACH-Markt ist Algolia mit rund 20 Mitarbeitenden vertreten – von Vertrieb über Projektimplementierung bis Support. Zu den bekannten Kunden in der Region zählen unter anderem Westwing, DocMorris, Flaconi, C&A Services, Rewe, Alnatura und Chefkoch. Darüber hinaus expandiert Algolia in Zentraleuropa, wo Polen und Tschechien als neue Wachstumsmärkte identifiziert wurden. „Wir haben dort bereits einige große Kunden gewonnen, sind aber noch im Aufbau,“ so Schönfeld.
Auch das Ökosystem aus Implementierungspartnern und ISVs – Independent Software Vendors – spielt für Schönfeld eine wachsende Rolle. Kein Kunde kauft eine Insellösung; die Integration mit anderen Plattformen ist essenziell. Partnertage, zuletzt erstmalig in Berlin abgehalten, sollen diese Vernetzung stärken. Im Veranstaltungskalender stehen neben der OMR auch die K5-Konferenz, die DMEXCO und regionale Partner-Events.
Bei den Implementierungszeiten bleibt Schönfeld ehrlich: Es kommt drauf an. Sie hat eine Fluggesellschaft in zwei Wochen live gehen sehen – und Konzerne, bei denen interne Prozesse die Projekte deutlich ausbremsen. Entscheidend ist weniger die Technologie als die organisatorische Agilität auf Kundenseite.
Wenn sie auf ihre persönlichen Ziele für die nächste Zeit angesprochen wird, gibt Schönfeld keine klassische Sales-Manager-Antwort. Wachstum, ja – aber vor allem nachhaltiges Wachstum: Kundenzufriedenheit, hohe Renewal-Raten, langfristige Verträge. Ich bin wahnsinnig stolz, dass wir Kunden haben, die seit sechs Jahren bei uns sind und mit denen wir gemeinsam gewachsen sind. Daneben setzt sie auf Teamentwicklung und – ganz dem Zeitgeist entsprechend – auf kollektives Lernen: In Teammeetings fragt sie regelmäßig, welche KI-Erkenntnisse die Woche gebracht hat. „Wir befinden uns in einem historischen Wandel. Neugierig zu bleiben ist keine Option, sondern Pflicht.“
Und das Suchfeld? Ist längst nicht mehr das Kernbild. Für Schönfeld ist Algolia heute eine Plattform, die Product Listing Pages befüllt, Kategorieseiten steuert, Chatbots mit Retrieval-Logik versorgt und Social-Media-ähnliche Personalisierungserlebnisse auf Unternehmenswebseiten ermöglicht. Nutzer sind es gewohnt, dass eine App genau weiß, was sie wollen. Unternehmen haben das noch nicht verinnerlicht. Da liegt die Chance, und das weiß Algolia und handelt entsprechend.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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