Der chinesische Backup-und-Recovery-Anbieter Vinchin stellte auf der IT Press Tour #68 in Boston seine Enterprise Storage Plattform und internationale Expansionspläne vor und positioniert sich als günstigere Alternative zu Veeam und etablierten Anbietern.

Auf der 68. IT Press Tour in Boston präsentierte die in Chengdu ansässige Vinchin Technology ihre Data Protection und Disaster-Recovery-Plattform. Die Sitzung, geleitet von Vertriebsdirektorin Minnie Du und dem technischen Auslandsdirektor Neil Zhuo, umfasste die globale Marktstrategie, das Lizenzmodell, die Produktarchitektur sowie eine Produkt-Roadmap bis Ende 2027. Die Präsentation führte auch zu einer direkten Frage zur politischen Dimension der europäischen Beschaffung chinesischer Software — eine Herausforderung, die das Unternehmen offen anerkannte. In Deutschland kooperiert Vinchin bereits mit der IT56 GmbH aus Weitersburg bei Koblenz als Silver Partner.

Vinchin Technology, gegründet 2015 mit Hauptsitz in Chengdu, China, ist im Segment der Enterprise Data Protection mit einem Produkt namens Vinchin Backup & Recovery tätig. Das Unternehmen gibt ein Partnernetzwerk in mehr als 60 Ländern, Endkunden in mehr als 100 Ländern, über 30.000 abgeschlossene Projektimplementierungen und mehr als sechs Millionen geschützte Workloads an. Die Mitarbeiterzahl liegt zwischen 200 und 500, davon etwa die Hälfte im Bereich Forschung und Entwicklung.

Das Unternehmen wurde zwei Jahre in Folge als „Strong Performer“ im Gartner Peer Insights Voice of the Customer-Bericht ausgezeichnet. Vinchin positioniert sich als Anbieter für drei Marktsegmente: Großunternehmen mit komplexen IT-Umgebungen und hohen Verfügbarkeitsanforderungen; kleine und mittelständische Unternehmen, die kostengünstige und einfach verwaltbare Backup-Lösungen suchen; sowie Cloud-Dienstleister, die Backup-as-a-Service (BaaS) und Disaster-Recovery-as-a-Service (DRaaS) anbieten möchten.

PREISGESTALTUNG UND LIZENZIERUNG

Ein Thema der Bostoner Sitzung war die Preisgestaltung. Im Rahmen der Fragerunde nannten Vinchin-Vertreter direkte Vergleiche: Gegenüber Commvault spricht das Unternehmen von Kosten pro virtueller Maschine, die etwa 50 Prozent niedriger liegen; gegenüber Veeam wird der Unterschied mit rund 30 Prozent angegeben. Diese Angaben wurden mündlich gemacht und wurden nicht unabhängig verifiziert.

Das Lizenzmodell ist ein bewusstes Differenzierungsmerkmal. Während Veeam und die meisten Legacy-Anbieter ausschließlich Abonnementmodelle anbieten, behält Vinchin eine Dauerlizenz bei — ein einmaliger Kauf mit unbegrenztem Nutzungsrecht. Ab dem zweiten Jahr fallen jährliche Wartungsgebühren an. Das Unternehmen gibt an, dass diese Gebühren zwischen 20 und 40 Prozent der entsprechenden Jahresabonnementkosten ausmachen. Ein zweites Modell, die Abonnementlizenz, wird pro virtueller Maschine auf Jahresbasis abgerechnet. Die beiden Modelle unterscheiden sich strukturell: Die Dauerlizenz wird nach der Anzahl der physischen CPU-Sockets berechnet, während die Abonnementlizenz pro Workload gilt, was bedeutet, dass Unternehmen mit schnellem VM-Wachstum im Laufe der Zeit höhere Abonnementkosten verzeichnen können.

PRODUKTARCHITEKTUR

Vinchin Backup & Recovery basiert auf drei Komponenten. Der Master-Server bietet zentralisiertes Management und kann als All-in-One-Gerät auf physischer oder virtueller Hardware bereitgestellt werden. Slave-Nodes erweitern die Rechenkapazität für größere Umgebungen oder Außenstellen. Agents und Proxies übernehmen Kommunikation und Datenübertragung für spezifische Szenarien — VMware-Backup erfolgt insbesondere agentlos über die Hypervisor-API, ohne dass ein Agent in jeder geschützten VM erforderlich ist.

Die Kompatibilitätsmatrix der Plattform ist umfangreich. Im Virtualisierungsbereich werden VMware, Microsoft Hyper-V, Citrix, Red Hat oVirt, Oracle Linux Virtualization Manager, Proxmox, Huawei, H3C, ZStack, Sangfor und Arcfra unterstützt. Die Betriebssystemabdeckung umfasst Windows, CentOS, Red Hat, Debian, Ubuntu, SuSE, Oracle Linux und Rocky Linux. Unterstützte Datenbanken sind Oracle, SQL Server, PostgreSQL, MySQL und MariaDB. Die SaaS-Schicht wird durch Microsoft Exchange Server und Exchange Online abgedeckt. Derzeit unterstützt die Plattform Public-Cloud-Backup für AWS- und Huawei-Cloud-Instanzen; Google Cloud Platform und Oracle Cloud Infrastructure sind noch nicht in der Kompatibilitätsliste enthalten — eine Lücke, die die Referenten einräumten. Auf die Frage nach Verge.io, einem KVM-basierten US-Hypervisor, der als VMware-Alternative an Bedeutung gewinnt, erklärte Vinchin, dass eine Evaluierung im Gange sei.

SICHERHEIT UND DATENINTEGRITÄT

Vinchin formuliert seine Sicherheitspositionierung rund um ein erweitertes 3-2-1-1-0-0-Backup-Framework: drei Datenkopien auf zwei verschiedenen Speichermedien, eine Kopie außerhalb des Standorts, eine Kopie im unveränderlichen Speicher, null Datenfehler durch automatisierte Verifikation sowie Zero-Trust-Zugang zur Verhinderung unbefugter Operationen. Die Implementierung unveränderlicher Backups erfolgt auf Kernel-Ebene mit einem I/O-Monitor, der den Schreibzugriff auf den Backup-Speicher ausschließlich dem Vinchin-Backup-Prozess vorbehält. Integrationsoptionen umfassen WORM-Speicher, Cloud-Object-Lock, Bandbibliotheken und WORM-Appliances von Drittanbietern.

Die automatisierte Backup-Verifikation führt Backups in einer isolierten „DR Lab“-Umgebung durch — einer eingebetteten KVM-basierten Virtualisierungsschicht innerhalb des Vinchin-Servers —, um zu bestätigen, dass jedes Backup tatsächlich gestartet werden kann und betriebsbereit ist. Die Verifikationsschritte umfassen Screenshot-Aufnahme, Heartbeat-Monitoring, Ping-Tests und Malware-Scans. Dies macht den Einsatz von Produktionsressourcen oder externer Virtualisierungsinfrastruktur bei der Verifikation überflüssig. Die Malware-Scan-Komponente nutzt sowohl eine eingebettete Engine als auch optionale Engines von Drittanbietern nach einem Identifizieren-Markieren-Isolieren-Bereinigen-Workflow.

ANWENDUNGSFÄLLE

Zwei Enterprise-Fallstudien wurden im Detail vorgestellt. Die erste betraf ein Finanzinstitut, das mehr als 20.000 VMs auf Huawei FusionCompute verwaltet und gleichzeitig eine Migration von VMware durchführt. Die Vinchin-Lösung bot parallele Multi-Node-Backups, eine einheitliche Verwaltungskonsole, plattformübergreifende Disaster-Recovery zwischen VMware und FusionCompute sowie unveränderliche Prüfprotokolle, die die Compliance-Anforderungen im Bankensektor erfüllen. Der zweite Fall betraf einen großen belarussischen Telekommunikationsanbieter, der mehr als 2.000 VMs in einer hybriden VMware- und ZStack-Umgebung sichert. Der wichtigste genannte Differenzierungsfaktor war Vinchins Fähigkeit, beide Hypervisoren über eine einzige Konsole mit LAN-freiem Backup und plattformübergreifender DR zu verwalten.

ROADMAP

Die veröffentlichte Roadmap verläuft in drei Phasen. Bis Q4 2026: Nutanix AHV-Unterstützung, VMware Storage Snapshot-Integration, synthetische Full Backups und OceanProtect WORM-Integration. Im zweiten Quartal 2027: agentlose Echtzeit-VMware-Replikation, Steuerung von Disk-Level-Ausschlüssen in der Web-Oberfläche, Verwaltung von Backup-Datenablaufdaten, erweitertes X2X-Migrations-Tooling sowie Unterstützung für GoldenDB und AIX-plus-Oracle-Datenbanken. Bis Q4 2027: ein dediziertes Migrationsprodukt für Virtualisierungs-, Server- und Datei-Workloads; GaussDB- und OceanBase-Datenbankunterstützung; Integration mit Alibaba Cloud und Azure sowie ein KI-Assistent für geführte Fehlerbehebung und Wiederherstellungsanleitungen.

EUROPÄISCHER MARKT UND GEOPOLITISCHE WIDERSTÄNDE

Ein spanischer Teilnehmer stellte die Frage, ob Vinchin im europäischen öffentlichen Sektor auf Widerstand stößt, da EU-Institutionen dazu übergegangen sind, die Abhängigkeit von chinesischen Technologieanbietern zu begrenzen.

Vinchins Antwort skizzierte einen zweigleisigen Ansatz: erstens OEM-Kooperationen mit lokalen europäischen Partnern, die das Produkt unter einer anderen Marke positionieren und direkt mit Behördenkunden zusammenarbeiten können; zweitens ein Compliance-und-Referenz-Argument, das ISO-Zertifizierungen und bestehende Implementierungen bei weltweit bekannten Institutionen anführt, darunter die University of Southern California, das Manchester Institute des Cancer Research UK und die Stadt San Gabriel in Kalifornien. Das Unternehmen räumte ein, dass manche europäischen Regierungskunden ungeachtet dieser Maßnahmen nicht zur Zusammenarbeit bereit sind, und erklärte, es werde weiterhin alternative Kooperationsmodelle erkunden.

Vinchins Go-to-Market-Modell setzt auf den Channel. Zu den bestehenden europäischen Partnerreferenzen zählen neben der IT56 GmbH Mediatec und Chips in Italien, CDI (Cours Diffusion Infrastructure) in Frankreich sowie Taurus in Spanien. Für den US-Markt bestätigte das Unternehmen Partner wie Comprehensive Computers und ICE Systems. 

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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