Der achte „State of Operational Technology and Cybersecurity Report“ von Fortinet zeigt: Unternehmen bauen ihre OT-Sicherheitsprogramme aus, doch die Verweildauer von Angreifern in Netzwerken steigt spürbar – ein Warnsignal für Industrie und kritische Infrastruktur.

Der aktuelle „State of Operational Technology and Cybersecurity Report“ von Fortinet zeigt ein differenziertes Bild der Sicherheitslage in industriellen Steuerungssystemen. Grundlage ist eine globale Befragung von mehr als 700 OT-Fachleuten aus Unternehmen mit über 1.000 Mitarbeitenden, die im Auftrag von Fortinet vom Marktforschungsunternehmen Empanel Online durchgeführt wurde. Befragt wurden vor allem Verantwortliche aus Anlagenbetrieb und Fertigung, fast die Hälfte davon auf Vice-President-Ebene.

Laut Unternehmensangaben zeigt die Studie, dass Organisationen ihre OT-Sicherheitsprogramme zunehmend professionalisieren, gleichzeitig aber weiterhin mit strukturellen Schwachstellen kämpfen. Nur eine Minderheit der Befragten verfügt demnach über vollständig etablierte Prozesse und Werkzeuge, um der wachsenden Zahl an Cyberangriffen wirksam zu begegnen.

Verantwortung wandert zurück in die Fachebene

Ein zentrales Ergebnis betrifft die organisatorische Verankerung der OT-Sicherheit. 2026 tragen laut Bericht 60 Prozent der Befragten die oberste Verantwortung beim Chief Information Security Officer (CISO) oder Chief Information Officer (CIO) – ein Rückgang gegenüber 69 Prozent im Vorjahr. Fortinet interpretiert dies als Reifezeichen: Das C-Level habe OT-Risiken so weit unter Kontrolle gebracht, dass Verantwortung wieder an spezialisierte Führungsebenen delegiert werden könne. Gleichzeitig gaben 81 Prozent an, OT-Sicherheit binnen zwölf Monaten unter die Zuständigkeit des CISO stellen zu wollen – der fünfte Anstieg in Folge.

Prozessreife zeigt gemischtes Bild

Bei der Prozessreife zeichnet der Report ein zwiespältiges Bild. Der Anteil der Unternehmen auf Reifegrad 0, also ohne dokumentierte Kernprozesse, stieg von 1 Prozent (2025) auf 5 Prozent (2026). Auch die Stufen 1 und 2 legten deutlich zu, von 5 auf 17 Prozent beziehungsweise von 13 auf 27 Prozent. Der Anteil hochreifer Organisationen auf Stufe 4 sank hingegen von 49 auf 17 Prozent. Laut Unternehmensangaben ist dies weniger ein Rückschritt als eine Neubewertung: Da Teams heute erfahrener, besser ausgestattet und interdisziplinärer aufgestellt seien, erkennten sie realistischer, wo tatsächlich Sicherheitslücken bestehen.

Verweildauer von Angreifern steigt

Als kritischen Indikator nennt der Bericht die sogenannte Dwell Time, also die Zeit, die Angreifer unentdeckt in einem Netzwerk verbringen. Während kurze Verweildauern von Minuten bis Stunden tendenziell zurückgehen, nehmen lange Verweildauern von Wochen oder Monaten spürbar zu: Der Anteil der Vorfälle mit mehrwöchiger Verweildauer stieg von 6 auf 13 Prozent, jener mit mehrmonatiger Verweildauer von 5 auf 7 Prozent. Lange unentdeckte Angriffe erhöhen laut Bericht das Risiko von Spionage, Datenabfluss und physischen Betriebsstörungen erheblich.

Gleichzeitig meldeten weniger Organisationen, dass sowohl IT- als auch OT-Systeme gleichzeitig von Vorfällen betroffen waren: Der Anteil sank von 60 Prozent (2025) auf 24 Prozent (2026) – der niedrigste Wert seit 2022. Fortinet führt dies auf eine verbesserte Netzwerksegmentierung zwischen IT und OT zurück. Bei den Angriffsarten bleibt Phishing mit 76 Prozent die häufigste Bedrohung, gefolgt von Ransomware beziehungsweise Wiper-Angriffen mit 50 Prozent, einem leichten Rückgang gegenüber 54 Prozent im Vorjahr.

Regulatorik rückt näher

Deutlich gestiegen ist die Erwartung neuer regulatorischer Vorgaben: 89 Prozent der Befragten rechnen 2026 mit zusätzlichen Vorschriften innerhalb von fünf Jahren, gegenüber 66 Prozent im Jahr 2025. Besonders auffällig ist eine Verschiebung des erwarteten Zeithorizonts von über fünf Jahren hin zu zwei bis fünf Jahren – ein Indiz dafür, dass sich Unternehmen aktiv auf kommende Compliance-Anforderungen vorbereiten wollen.

Modernisierung industrieller Steuerungssysteme

Positiv wertet der Bericht die zunehmende Modernisierung industrieller Steuerungssysteme (ICS): 40 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Systeme jünger als fünf Jahre sind – ein deutlicher Anstieg gegenüber 20 Prozent im Vorjahr. Da viele OT-Geräte laut Fortinet mehr als 20 Jahre alt und von Haus aus unsicher konzipiert sind, gilt Modernisierung als wichtiger Hebel zur Risikoreduzierung.

Empfehlungen: Segmentierung, SecOps-Integration und Plattformansatz

Auf Basis der Befragungsergebnisse formuliert Fortinet mehrere Handlungsempfehlungen. An erster Stelle steht die Segmentierung und Mikrosegmentierung von IT- und OT-Netzwerken, um die laterale Ausbreitung von Angriffen einzudämmen. Zweitens rät der Bericht, OT-Systeme, Produktionsprozesse und Rollen auf Werksebene vollständig in Notfallplanung und Sicherheitsbetrieb (SecOps) zu integrieren. Drittens empfiehlt Fortinet einen Plattformansatz für die Sicherheitsarchitektur: Statt zahlreicher Einzellösungen verschiedener Anbieter sollen konsolidierte Plattformen mit zentralisierter Verwaltung, Bedrohungsanalyse und zunehmend generativer KI eingesetzt werden, um Transparenz zu erhöhen und Reaktionszeiten zu verkürzen.

Zur Methodik: An der von Empanel Online durchgeführten Online-Befragung nahmen Fachleute aus mehr als 25 Ländern teil, mit Schwerpunkt auf den Branchen Fertigung (33 Prozent), Öl/Gas/Raffinerie (19 Prozent) sowie Energie- und Versorgungsunternehmen (17 Prozent).

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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