Die deutsche Krankenhauslandschaft steht unter massivem Modernisierungsdruck. Auf der DMEA, Europas führender Messe für Digital Health, diskutierten Branchenvertreter über den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Das Fazit: Die technologische Basis für intelligente Kliniken existiert längst – doch zwischen Vision und Realität klafft weiterhin eine große Lücke.
Die deutsche Gesundheitsbranche spricht seit Jahren über Digitalisierung. Elektronische Patientenakten, vernetzte Medizintechnik, digitale Visiten oder intelligente Bettensteuerung gehören inzwischen zu den Standardthemen auf Fachkongressen und Branchenmessen. Doch wer sich im Alltag vieler Kliniken umsieht, erlebt häufig eine andere Realität: veraltete WLAN-Strukturen, Insellösungen, fehlende Schnittstellen und Prozesse, die noch immer auf Papier oder sogar Fax basieren.
Genau dieses Spannungsfeld prägte auch die Gespräche auf der diesjährigen DMEA in Berlin. Vertreter von Extreme Networks und Branchenexperten zogen nach der Messe ein differenziertes Fazit: Die Bereitschaft zur Digitalisierung wächst spürbar, ebenso das Verständnis dafür, wie zentral eine moderne Netzwerkinfrastruktur inzwischen für Krankenhäuser geworden ist. Gleichzeitig fehlen vielerorts die personellen Ressourcen, die strategische Planung und oftmals auch der organisatorische Wille, digitale Projekte ganzheitlich umzusetzen.
„Die Qualität der Gespräche war deutlich höher als in den Vorjahren“, berichtete Michael Schwanke-Seer, Senior Key Account Manager und Vertical Lead Healthcare bei Extreme Networks. Anders als früher seien deutlich mehr Entscheider großer Klinikverbünde auf der Messe unterwegs gewesen. Dabei habe sich gezeigt, dass Kliniken heute weniger nach Einzelprodukten suchen, sondern vielmehr nach belastbaren Gesamtkonzepten für die digitale Transformation.
Besonders sichtbar wurde laut den Gesprächspartnern ein strukturelles Problem: Viele Krankenhäuser modernisieren punktuell, jedoch selten strategisch durchgängig. Förderprogramme und Transformationsfonds würden zwar einzelne Projekte ermöglichen, etwa neue OP-Zentren oder digitale Patientenservices. Eine umfassende Digitalisierung des gesamten Klinikbetriebs bleibe jedoch schwierig.
Hinzu kommt ein Mangel an erfahrenen Planern und Architekten, die moderne digitale Anforderungen in Neubauten und Sanierungen frühzeitig berücksichtigen. Andreas Helling, Manager Systems Engineering bei Extreme Networks, beschreibt die Situation drastisch: „Oft scheitert es bereits an Grundlagen wie Stromversorgung, Kühlung oder Verkabelung.“ Moderne Wi-Fi-7-Infrastrukturen mit leistungsstarken Access Points erzeugen heute deutlich höhere Anforderungen an Stromlast und Wärmeentwicklung als frühere WLAN-Generationen. Viele Klinikbauten seien darauf bislang nicht vorbereitet.
Dabei haben sich die Anforderungen an Krankenhäuser massiv verändert. Vor 15 Jahren wurden WLAN-Netze primär für einfache Datenkommunikation geplant. Heute müssen dieselben Infrastrukturen Streaming-Dienste für Patienten, digitale Visiten, Medizintechnik, Ortungssysteme oder Asset-Tracking unterstützen. Hinzu kommen Echtzeitanwendungen und immer mehr mobile Endgeräte.
Besonders das Thema RTLS – Real Time Location Services – gilt in der Branche inzwischen als Schlüsseltechnologie. Damit lassen sich beispielsweise medizinische Geräte lokalisieren, Bettenmanagement optimieren oder Inhouse-Navigation realisieren. Technisch seien diese Lösungen inzwischen ausgereift und bezahlbar, erklären die Experten. Dennoch scheiterten viele Projekte kurz vor der Umsetzung.
Ein Grund dafür sei das sogenannte Silo-Denken innerhalb vieler Kliniken. Die Anforderungen an digitale Anwendungen entstünden häufig in Fachabteilungen, während Budgets und Zuständigkeiten an anderer Stelle lägen. Dadurch würden Projekte zwar diskutiert und getestet, aber am Ende nicht realisiert.
Trotzdem zeigt sich ein deutlicher Wandel im Bewusstsein der Verantwortlichen. Die Netzwerkinfrastruktur werde heute zunehmend nicht mehr nur als „Hintergrundtechnik“, sondern als zentrales Rückgrat des Klinikbetriebs verstanden. Ohne stabile und intelligente Netzwerke funktioniere weder moderne Medizintechnik noch digitale Kommunikation.
Große Aufmerksamkeit erhalten derzeit neue WLAN-Standards wie Wi‑Fi 6E oder Wi‑Fi 7. Zwar werde es laut den Experten noch Jahre dauern, bis Medizingeräte die neuen Frequenzbereiche flächendeckend nutzen. Der Druck komme jedoch zunehmend vom Consumer-Markt. Moderne Smartphones, Tablets und Laptops unterstützen die Technologien bereits heute.
Für Krankenhäuser ist das relevant, weil Netzwerkinfrastrukturen dort deutlich länger genutzt werden als in anderen Branchen. Access Points bleiben oft acht bis zehn Jahre im Einsatz. Deshalb investieren viele Häuser bereits jetzt in aktuelle Standards, um langfristig zukunftssicher zu bleiben.
Ein weiteres Kernthema bleibt die Cybersicherheit. Angriffe auf Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Sicherheitsvorfälle führten mehrfach dazu, dass Kliniken zeitweise nicht mehr regulär arbeiten konnten.
Die Experten sehen hier zwar Fortschritte, gleichzeitig aber weiterhin große Defizite. Viele Einrichtungen hätten inzwischen Segmentierungslösungen oder Zugriffskontrollen eingeführt. Ziel ist es, Angriffe innerhalb einzelner Netzwerkbereiche zu isolieren und eine Ausbreitung zu verhindern.
Doch Sicherheit erhöht gleichzeitig die Komplexität. Und genau darin liegt eines der größten Probleme im Gesundheitswesen: Je komplizierter digitale Prozesse werden, desto schwieriger wird die Akzeptanz im Klinikalltag.
Ein besonders ernüchterndes Beispiel nannten die Gesprächspartner ebenfalls: In vielen Einrichtungen werden sensible Patientendaten weiterhin über Messenger-Dienste oder improvisierte Kommunikationswege geteilt. Selbst Faxgeräte erleben in manchen Kliniken noch immer ein Comeback, sobald digitale Systeme ausfallen.
Gerade deshalb wächst die Bedeutung automatisierter Netzwerklösungen. Extreme Networks setzt dabei nach eigenen Angaben verstärkt auf KI-gestützte Managementplattformen, die Netzwerkbetrieb, Segmentierung, Security und Automatisierung zentral verwalten. Ziel sei es, IT-Abteilungen zu entlasten, damit diese sich stärker auf strategische Projekte konzentrieren können.
Die Gespräche auf der DMEA zeigen damit ein widersprüchliches Bild: Die technologische Basis für das digitale Krankenhaus existiert längst. Viele Lösungen sind marktreif, finanzierbar und praktisch erprobt. Gleichzeitig verhindern fehlende Gesamtstrategien, knappe Ressourcen und organisatorische Hürden vielerorts die konsequente Umsetzung.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen scheitert damit derzeit weniger an der Technologie als an Strukturen, Prioritäten und Zuständigkeiten. Oder, wie eine junge Klinikmitarbeiterin auf der Messe sinngemäß formulierte: „Es ist beeindruckend, was technisch alles möglich ist. Aber in unserem Krankenhaus sehen wir davon bisher noch wenig.“

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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