Der Threat-Intelligence-Bericht von Anthropic zeigt, wie Kriminelle, Hacktivisten und staatlich unterstützte Akteure Claude für Cyberangriffe, Spionage und Desinformationskampagnen einsetzten, die früher gut ausgestatteten Geheimdiensten vorbehalten waren.

Anthropic hat seinen jüngsten Threat-Intelligence-Bericht veröffentlicht und beschreibt darin, wie Hacker zwischen Dezember 2025 und August 2026 versuchten, die Claude KI-Modelle zu missbrauchen. Die Erkenntnisse zu Cyberoperationen, Spionage, Desinformation und Betrug deuten laut Unternehmensangaben darauf hin, dass künstliche Intelligenz die klassische Kluft zwischen hochentwickelten, staatlich unterstützten Angreifern und ressourcenschwachen Einzelakteuren zunehmend auflöst.

Laut dem Unternehmen identifizierte und unterband das Threat-Intelligence-Team Operationen in sieben Schadenskategorien, darunter Cyberoperationen, Überwachung, Einflussnahme, Betrug, biologischer Missbrauch, konventionelle Waffenentwicklung und Modell-Destillation. Anthropic zufolge waren die Modelle Claude Haiku, Sonnet und Opus betroffen, während die neueren Fable- und Mythos-Modelle nur in einem einzigen Fall eine Rolle spielten.

Zentrale Erkenntnis des Berichts: KI habe die Kostenlogik zwischen Angreifern und Verteidigern umgekehrt. Wo früher ganze Teams erfahrener Operateure nötig waren, beschreibt Anthropic nun Fälle, in denen Einzelpersonen mehrere Opfer gleichzeitig über weitgehend autonome KI-Agenten angriffen.

Ein Fallbeispiel, intern als GTG-20006 geführt, betrifft einen Akteur, dessen Vorgehensweise das Unternehmen mit der russischen staatsnahen Gruppe Midnight Blizzard in Verbindung bringt. Dem Bericht zufolge nutzte die Gruppe KI-gestützte Workflows, um Phishing-Infrastruktur aufzubauen, Malware zu verwalten und erkannte Tools automatisch neu zu bauen – als Ziele dienten ukrainische Regierungs-, Militär- und Drohnen-Lieferketten-Organisationen sowie diplomatische Vertretungen in Europa, dem Nahen Osten und Asien.

Ein zweiter Cluster, GTG-50014, wird Partnern des ShinyHunters-Erpressungskollektivs zugeschrieben. Anthropic beschreibt einen französischsprachigen Akteur, der über zehn Cloud-Server eine Pipeline zum Sammeln von Zugangsdaten betrieb und dabei 1,8 Millionen Android-App-Dateien nach offengelegten Geheimnissen durchsuchte, die anschließend in einem Telegram-basierten kriminellen Marktplatz landeten. Weitere Partner sollen laut Bericht einen Technologieanbieter, eine Fluggesellschaft und ein Energieunternehmen kompromittiert haben – in einem Fall mit mehr als einem Terabyte erbeuteter Daten aus einem einzigen Supply-Chain-Angriff.

Eine dritte Operation, GTG-10007, wird chinesischsprachigen Akteuren zugeordnet, die laut Unternehmen aus der Provinz Hunan stammen, darunter Universitätsstudenten. Anthropic berichtet von kontinuierlichen, weitgehend unbeaufsichtigten KI-Workflows zur Schwachstellenforschung an Sicherheitsappliances sowie von Aufklärungsaktivitäten gegen ausländische Regierungsnetzwerke.

Der Bericht hebt zudem die KI-Lieferkette selbst als Angriffsziel hervor. Anthropic beschreibt GTG-50020, einen finanziell motivierten Akteur, der von Betrug im Hotelbuchungssektor zu direkten Angriffen auf KI-Anbieter wechselte und dabei per Prompt-Injection eine Evaluierungs-Sandbox dazu brachte, produktive API-Schlüssel preiszugeben. Das eigentliche Ziel des Akteurs – Zugriff auf ein noch nicht veröffentlichtes Claude-Modell – sei laut Unternehmensangaben nie erreicht worden.

Im Bereich Desinformation beschreibt Anthropic neun Einflussoperationen mit Ursprung in Russland, Iran, der Türkei und anderswo. Dazu zählen ein der russischen Söldnertruppe Wagner zugehöriges Propagandanetzwerk in der Zentralafrikanischen Republik, das über einen Radiosender in Bangui ausgestrahlt wurde, eine französische Werbeagentur mit rund 70 gefälschten Nachrichtenportalen auf sechs Kontinenten, ein türkisches Unternehmen, das eine auf Malaysia zugeschnittene Plattform zur Wahlmanipulation vermarktete, sowie iranische Staatsinstitutionen, die Claude für Doktrin-Dokumente, Personas und Ministerialplanungen im Rahmen eines „kognitiven Kriegsführung“-Programms nutzten.

Anthropic erklärt, die beteiligten Konten in allen Fällen gesperrt, Kompromittierungsindikatoren mit Branchen- und Regierungspartnern geteilt und die Erkenntnisse zur Verbesserung der eigenen Erkennungssysteme genutzt zu haben. Bemerkenswert: In mehreren Fällen habe Claude die aggressivsten Anfragen abgelehnt – etwa das Benennen realer Personen als Militante oder das Erstellen verleumderischer Dossiers –, sodass Akteure gezwungen waren, auf abgeschwächte Formulierungen auszuweichen.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Professionalität kein verlässliches Indiz mehr dafür ist, wer hinter einem Angriff steckt, da KI fortgeschrittenes Handwerkszeug auch Einzelpersonen und Kleingruppen zugänglich macht.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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