Ein SIPRI-Hintergrundpapier zeigt, wie Quantencomputing, -kommunikation und -sensorik aus dem Labor in die Verteidigungsministerien dieser Welt vordringen – und warnt, dass die Rüstungskontrolle mit dem Tempo der Technologie nicht Schritt hält.

Quantentechnologie ist längst keine ferne wissenschaftliche Spielerei mehr, sie entwickelt sich vielmehr zu einem strategischen Machtfaktor, den Regierungen nicht ignorieren können. Das SIPRI Background Paper „An Introduction to Military Quantum Technology for Policymakers“ des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI, verfasst vom Quantensicherheitsforscher Michal Krelina und gefördert von der österreichischen Regierung, argumentiert, dass eine „zweite Quantenrevolution“ die Militärplanung von Washington bis Peking neu ordnet, während die regulatorische Aufsicht kaum hinterherkommt.

Anders als die erste Quantenrevolution, die durch die kollektive Kontrolle von Teilchen Laser, Halbleiter und Nukleartechnologie hervorbrachte, konzentriert sich die aktuelle Welle auf die gezielte Steuerung einzelner Elektronen und Photonen. Dieser Wandel eröffnet drei eng miteinander verknüpfte Felder mit klarer sicherheitspolitischer Relevanz: Quantencomputing, Quantenkommunikation und Quantensensorik.

Quantencomputer versprechen, Optimierungs- und Materialsimulationsprobleme zu lösen, die klassische Rechner überfordern – dieselbe Rechenleistung könnte jedoch eines Tages weitverbreitete Verschlüsselung brechen. Quantenkommunikation, allen voran die Quantenschlüsselverteilung (QKD), bietet theoretisch abhörsichere Datenverbindungen; 2024 demonstrierten Forscher bereits eine drohnengestützte Variante. Am unmittelbarsten nutzbar dürfte die Quantensensorik sein: Navigationssysteme ohne GPS, Gravimeter zur U-Boot-Erkennung und Bildgebungsverfahren, die Hindernisse oder Ecken durchdringen, wandern bereits vom Prototyp zum Feldversuch.

Regierungen reagieren mit erheblichen Investitionen. Das Papier verweist auf die US-amerikanische National Quantum Initiative, staatlich geförderte Forschungsprogramme in China, das Quantum-Flagship-Programm der Europäischen Union samt dem verteidigungsnahen EuroQCI-Netzwerk sowie nationale Anstrengungen in Großbritannien, Kanada, Australien und Indien. Militärische Forschungseinrichtungen wie die DARPA, der NATO-Innovationsbeschleuniger DIANA und die indische DRDO lenken Mittel in Dual-Use-Projekte – ein Zeichen dafür, wie stark kommerzielle Quanten-Start-ups zunehmend auf staatliche und militärische Gelder angewiesen sind, um zu überleben.

Als zentrale Rivalität benennt das Papier die USA und China, die beide alles daransetzen, im Wettlauf nicht zurückzufallen – in einem Feld, dessen Fortschritt sich wegen der Geheimhaltung militärischer Forschung kaum verifizieren lässt. Washington hat Exportkontrollen für Quantencomputing-Hardware verhängt und US-Investitionen in chinesische Quantenfirmen eingeschränkt; Peking hat im Gegenzug seine eigenen Forschungskontrollen verschärft. An anderer Stelle weist das Papier auf noch deutlichere Ungleichgewichte hin – etwa zwischen Indien und Pakistan –, wo eine wachsende Quantenlücke die nukleare Abschreckungslage zweier nuklear bewaffneter Nachbarn destabilisieren könnte, etwa durch verbesserte U-Boot-Ortungssensorik.

Neben der Rivalität wächst auch die Kooperation. Die AUKUS-Partnerschaft zwischen Australien, Großbritannien und den USA hat Quantentechnologie zu einer gemeinsamen Priorität erklärt, während China und Russland gemeinsam eine Quantenkommunikationsverbindung getestet haben, die sie als auf BRICS-Partner zugeschnitten beschreiben.

Wirtschaftliche Dynamiken verschärfen die Dringlichkeit zusätzlich. Konzerne wie Google, IBM, Amazon, Alibaba und Atos investieren massiv in Quantencomputing, während zahlreiche kleinere Start-ups Nischenanwendungen in Sensorik und Kommunikation verfolgen. Das Risikokapital für diese Firmen bleibt im Vergleich zu den Summen, die in künstliche Intelligenz fließen, überschaubar – viele Quantenunternehmen sind daher auf staatliche Förderungen und Verteidigungsaufträge angewiesen, was die Grenze zwischen ziviler Forschung und militärischer Anwendung weiter verwischt und Verteidigungsministerien überproportionalen Einfluss darauf gibt, welche Technologien zuerst zur Marktreife gelangen.

Das Papier warnt zudem vor einer verengten Sicht, die sich allein auf Verschlüsselung konzentriert. Ein Großteil der öffentlichen Debatte über Quantenrisiken dreht sich um den Moment, in dem ein hinreichend leistungsfähiger Quantencomputer aktuelle kryptografische Standards knacken könnte. Krelina sieht die unmittelbareren, bislang wenig erforschten Risiken anderswo: hochpräzise Quantensensoren in den Händen nichtstaatlicher Akteure oder Schurkenstaaten, quantengestützte Simulationen zur Beschleunigung der Entwicklung von Tarnbeschichtungen oder neuartiger Panzerung, sowie die schiere Schwierigkeit, Rüstungskontrollklauseln für eine Technologie zu formulieren, deren militärischer Wert erst noch erforscht wird. Er schlägt vor, dass ein wissenschaftliches Beratungsgremium nach dem Vorbild der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) Verhandlungsführern helfen könnte, Schritt zu halten.

Krelinas Fazit fällt unmissverständlich aus: Heutige Quantensysteme bleiben fehleranfällig und begrenzt, doch die Geschichte zeigt, dass Durchbrüche schneller kommen können als erwartet. Er fordert Entscheidungsträger auf, jetzt zu handeln – durch Investitionen in quantensichere Kryptografie, die Beobachtung des technologischen Fortschritts und den Aufbau von Aufsichtsstrukturen –, statt auf einen Moment zu warten, in dem sich die sicherheitspolitische Lage bereits unumkehrbar verschoben hat.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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