Forschungsdaten von IDC zeigen, dass 79 % der Cloud-Käufer bereits Multicloud-Umgebungen betreiben. Wer dabei strategisch vorgeht, erreicht den positiven ROI doppelt so schnell — und ist für die GenAI-Ära deutlich besser aufgestellt.
Die Verteilung von Workloads auf mehrere Cloud-Anbieter galt einst als Nischenthema für Großkonzerne. Laut der IDC-Studie Cloud Pulse Q3 2024 betreibt heute knapp jedes zweite Unternehmen weltweit bereits eine Multicloud-Strategie oder ist dabei, eine solche einzuführen. Die Frage lautet nicht mehr ob, sondern wie — und welche Konsequenzen ein Aufschub hat.
Von der Abhängigkeit zur offenen Architektur
Seit den Anfängen des Cloud Computing versuchen Unternehmen, der Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter zu entkommen. Wer sich an einen Anbieter bindet, gibt Preisgestaltungsmacht ab, erschwert Migrationen und schränkt Innovationspotenziale ein. IDC-Daten aus dem ersten Quartal 2024 zeigen: 63 % der Unternehmen fordern heute von ihren Cloud-Anbietern die Einhaltung offener Standards zur API-Portabilität. Weitere 28 % priorisieren Microservices-Architekturen, die offene APIs voraussetzen.
Diese Entwicklung spiegelt eine reifere Cloud-Strategie wider. Unternehmen wählen Anbieter nicht mehr allein nach Infrastrukturpreisen oder Rechenleistung aus. Sie bewerten, inwieweit ein Anbieter die Beweglichkeit von Daten, Anwendungen und Workloads über verschiedene Plattformen hinweg ermöglicht. Interoperabilität ist zum Beschaffungskriterium geworden.
Was Multicloud wirklich bedeutet
Multicloud wird oft mit Hybrid Cloud verwechselt, doch beide Konzepte sind verschieden. Hybrid Cloud verbindet On-Premises-Infrastruktur mit einer öffentlichen Cloud-Umgebung. Multicloud verlangt die gleichzeitige Interoperabilität zwischen den Plattformen verschiedener Anbieter. Das erfordert konsistente IT-Betriebsmodelle, die Fähigkeit, Anwendungen plattformübergreifend zu verlagern, sowie Governance-Strukturen für sicheres Management.
In der Praxis gehen Multicloud-Überlegungen weit über den IT-Betrieb hinaus. Abrechnungsmodelle, Lizenzrahmen und Vertragsstrukturen müssen die versprochene Flexibilität abbilden. Ohne diese Abstimmung kann aus einer Agilitätsinitiative schnell eine finanzielle und administrative Belastung werden. Professionelle Dienstleister und Beratungspartner spielen dabei eine wichtige Rolle, indem sie Best Practices identifizieren und beim Navigieren der wachsenden Optionsvielfalt helfen.
Vier Gründe, jetzt zu handeln
Die IDC-Forschung identifiziert vier zentrale Treiber, die eine proaktive Multicloud-Strategie zum gegenwärtigen Zeitpunkt strategisch sinnvoll machen.
Der erste Treiber ist der Return on Investment. Cloud-Käufer aus den vierteljährlichen IDC Cloud Pulse-Studien berichten, dass sie einen positiven ROI doppelt so schnell erreichen wie Unternehmen, die auf eine einzige Cloud setzen. Multicloud-Nutzer integrieren häufiger Funktionen wie Automatisierung, Observability, FinOps-Praktiken und container-basierte Portabilität — Werkzeuge, die im gesamten IT-Portfolio Wert schaffen.
Der zweite Treiber ist Resilienz. Disaster Recovery und Backup werden durchgehend als wichtigste Cloud-Investitionsprioritäten eingestuft, noch vor der Anwendungsverfügbarkeit. Regulatorischer Druck beschleunigt dies: Aufsichtsbehörden verschiedener Branchen stellen zunehmend Anforderungen an Betriebszeiten und Anbieterdiversifizierung. Multicloud bietet die Architektur, um diese Anforderungen zu erfüllen, ohne auf Kosten- und Leistungsflexibilität verzichten zu müssen.
Der dritte Treiber ist Zukunftsfähigkeit. Da 82 % der Cloud-Käufer aktuell bestehende Cloud-Umgebungen modernisieren oder transformieren, legen die heutigen Entscheidungen die Grundlage für die nächste Technologiewelle — einschließlich generativer KI. Unternehmen mit interoperablen Multicloud-Architekturen sind besser in der Lage, neue KI-Funktionen zu integrieren, ohne kostspielige Infrastrukturerneuerungen vorzunehmen. Multicloud-Nutzer leiten IT-Budgets auch häufiger in neue Initiativen statt in Wartung.
Der vierte Treiber ist der Zugang zu erstklassigen Diensten. Kein einzelner Anbieter ist in allen Workload-Typen, Regionen oder Technologiebereichen führend. Multicloud ermöglicht es, für jede Anforderung den leistungsfähigsten Anbieter auszuwählen. Da generative KI das Innovationstempo von der Hardware bis zur Anwendungsebene beschleunigt, wird die Fähigkeit, zwischen Anbietern zu wechseln und auf verschiedene Modell-Ökosysteme zuzugreifen, zum Wettbewerbsvorteil.
Herausforderungen, die nicht ignoriert werden können
Die Vorteile sind real — aber auch die Hindernisse. Unter Unternehmen, die Multicloud ohne echte Interoperabilität eingeführt haben, haben 34 % noch nicht identifiziert, wie Multicloud ihrem Unternehmen tatsächlich nutzt, während 32 % noch an der Lösung von Souveränitäts- und Datenschutzfragen arbeiten. Fachkundige Beratung kann helfen, diese Lücke zu schließen.
Die Managementkomplexität steigt mit jedem zusätzlichen Anbieter. Teams müssen Kompetenzen in Automatisierung und Observability aufbauen. Lizenzklarheit wird unerlässlich. Und die Sicherung interner Budgets erfordert ein Geschäftsargument, das auf KPIs, Risikominderung und langfristigen Ökosystemwert eingeht — nicht nur auf technische Architektur.
Der GenAI-Faktor
Generative KI verändert grundlegend, wie Unternehmen über Cloud-Infrastruktur nachdenken. Bei der Frage nach den wichtigsten Kriterien für die Auswahl eines GenAI-Partners nannten Unternehmen Hardware-Diversität, Zugang zu einer breiten Palette großer Sprachmodelle und die Fähigkeit der Anbieter zur Zusammenarbeit mit anderen Marktteilnehmern. Hyperscaler bauen entsprechend Multicloud-Interoperabilität in ihre Plattformen ein. Unternehmen mit bereits etablierten Multicloud-Grundlagen werden von diesem Wandel am stärksten profitieren.
Die richtigen Partner auswählen
IDC empfiehlt, die Partnerwahl nach strukturierten Kriterien vorzunehmen. Infrastruktur- und Workload-Anforderungen sollten vorab bewertet werden. Verschiedene Unternehmensbereiche — IT, Finanzen und Recht — müssen verstehen, wie Multicloud ihre Prozesse verändert. Sicherheits- und Resilienzkonzepte müssen im Multi-Anbieter-Kontext neu betrachtet werden. Und Anbieter sollten nicht nur nach aktuellen Fähigkeiten, sondern auch nach ihrem Roadmap-Engagement für offene APIs, Normungsgremien und Zertifizierungen bewertet werden, die langfristige Risiken reduzieren.
Multicloud ist kein Ziel. Es ist ein fortlaufendes Betriebsmodell, das kontinuierliche Investitionen, organisationale Ausrichtung und strategische Partnerschaften erfordert. Unternehmen, die es als solches behandeln, berichten durchweg von schnellerem ROI, stärkerer Resilienz und einem klareren Weg zu den Technologien, die das nächste Jahrzehnt prägen werden.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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