Während deutsche Einzelhändler ihre digitalen Ökosysteme mit SaaS-Anbietern und Logistikpartnern ausbauen, werden  Drittanbieter in der Lieferkette zunehmend zum Schwachpunkt in der Cybersicherheit. 

Deutsche Einzelhändler stehen vor einem wachsenden Paradoxon: Trotz hoher Investitionen in die Cybersicherheit bleiben viele über die Partner verwundbar, auf die sie für effiziente Abläufe angewiesen sind. Laut einer aktuellen ManageEngine Studie erlebten drei Viertel der Einzelhändler im vergangenen Jahr einen Cybersicherheitsvorfall, wobei Dritt- und Lieferkettenangriffe zu den bedeutendsten Bedrohungen zählen.

Die Bedrohung durch Lieferkettenangriffe

Einzelhändler kämpfen mit bekannten Angriffsvektoren. Phishing und kompromittierte Zugangsdaten dominieren, gefolgt von der Ausnutzung von Schwachstellen und Datenlecks. Personenbezogene Daten dienen als Grundlage für gezielte Folgeangriffe.

Bei vielen Datenlecks sind personenbezogene Daten wie Namen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Geburtsdaten für Angreifer ebenso wertvoll wie Anschriften, Passwörter und Zahlungsinformationen. Selbst solche scheinbar grundlegenden Angaben liefern wichtige Erkenntnisse, mit denen Angreifer noch überzeugendere Phishing-Kampagnen und Identitätsbetrug planen und durchführen können. Die finanziellen Folgen solcher Vorfälle zeigen sich oftmals nicht bereits beim eigentlichen Sicherheitsvorfall, sondern erst später im Rahmen weiterer Angriffe.

Die Studie zeigt, dass 74,8 % der deutschen Unternehmen betroffen waren, im Einzelhandel 75 %. „Selbst Unternehmen mit starken internen Sicherheitsmaßnahmen können über vertrauenswürdige Drittanbieter kompromittiert werden“, erklärt Praveen Das, Technical Head bei ManageEngine.

Reaktionslücken: Politik statt technischer Maßnahmen

Viele Unternehmen priorisieren Compliance und Richtlinien gegenüber technischen Verbesserungen wie Patch-Management und Zugriffsüberprüfungen. Nur 58 % fühlen sich für künftige Vorfälle gut gerüstet. Teams kämpfen mit manuellen Prozessen und Ressourcenmangel.

Die ManageEngine Studie, für die 302 deutsche IT- und Sicherheitsexperten befragt wurden, zeichnet ein umfassenderes Bild. Zu den wichtigsten Bedrohungen zählen Phishing/Social Engineering (56 %), Malware/Ransomware (35,4 %), Datenlecks (35 %) und Angriffe auf die Lieferkette (32,7 %). Die Auswirkungen reichen von Störungen auf Teamebene bis hin zu unternehmensweiten Ausfällen.

Positiv zu vermerken ist, dass deutsche Unternehmen bei den Prozessen nach einem Vorfall Disziplin an den Tag legen und solide Backup-Strategien verfolgen. Das Engagement der Unternehmensleitung im Bereich Cybersicherheit bleibt jedoch weitgehend reaktiv, und die langfristige strategische Neuausrichtung nach Vorfällen erfolgt uneinheitlich.

Mit Blick auf die Zukunft stehen KI-gestützte Angriffe ganz oben auf der Liste der zukünftigen Risiken, gefolgt von komplexen Angriffsmethoden und menschlichem Versagen. Die Investitionsschwerpunkte liegen auf der Vorbereitung auf KI, der Schulung der Mitarbeiter und der Erkennung von Bedrohungen.

KI-gestützte Angriffe stehen ganz oben auf der Risikoagenda. Wichtige Investitionsschwerpunkte sind KI-Vorbereitung, Schulungen und Bedrohungserkennung. Cybersicherheitsresilienz hängt entscheidend von sorgfältiger Partnerauswahl und strenger Drittanbieterkontrolle ab.

Fazit

Diese Vertrauenslücke wird sich in Zukunft wahrscheinlich noch vergrößern. Künstliche Intelligenz (KI) ermöglicht es Cyberangreifern, immer ausgefeiltere Angriffe mit einer Geschwindigkeit und in einem Umfang durchzuführen, mit denen herkömmliche und manuelle Sicherheitsprozesse nicht Schritt halten können. Und identitätsbasierte Angriffe und ein mangelnder Überblick über die Bedrohungslage stellen für Einzelhändler ebenfalls eine große Sorge dar.

Dass selbst relativ simple Angriffsmethoden weiterhin erfolgreich sind, zeigt zudem, wie stark Cyberresilienz inzwischen davon abhängt, das eigene Geschäftsumfeld und die Geschäftspartner sorgfältig auszuwählen und zu prüfen. Unabhängig davon, wo ein Cyberangriff herkommt, sind es jedoch die Unternehmen, die eine wirksame Identitätssteuerung mit umfassender Einsicht in ihre Betriebsumgebung, konsequentem Schwachstellenmanagement und strenger Kontrolle von Drittanbietern verbinden, die solchen Bedrohungen besser standhalten können.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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