KnowBe4 erweitert seinen Sicherheitsansatz auf die gesamte Belegschaft, einschließlich KI-Agenten. CISO Advisor Dr. Martin J. Krämer erklärt die notwendige Aufsicht, verhaltensbasierte Risikomessung und Chancen für Channel-Partner.
KnowBe4 will die gesamte Belegschaft schützen, und zu dieser Belegschaft zählen inzwischen auch KI-Agenten. In einem Interview auf der it-sa am 27. Oktober 2026 erläuterte Dr. Martin J. Krämer, CISO Advisor bei KnowBe4, warum der Mensch die Kontrolle über autonome Software behalten muss, wie das Unternehmen vom Training zur Verhaltensmessung kommt und wo Channel-Partner neues Geschäft finden.
Der Sicherheitsanbieter, lange vor allem für Security-Awareness-Trainings bekannt, positioniert sich neu. Laut Krämer steht der neue Name für den Schutz der gesamten Belegschaft, die in der Realität ebenso aus KI-Agenten wie aus Menschen besteht. Das Prinzip dahinter: Der Mensch soll das Sagen haben. KI-Agenten können halluzinieren und gehen oft mit sensiblen Daten um, weshalb Security Awareness wichtig bleibt.
KI-Agenten führen wie neue Mitarbeitende
Krämer vergleicht einen KI-Agenten mit einem Auszubildenden. Seine Ergebnisse sind oft gut genug, doch jemand muss schlechte Ergebnisse korrigieren. Wie führt man einen solchen KI-Mitarbeiter? Seine Antwort lautet: wirksame Kontrolle. Die Branche diskutiere das meist auf der Technologieebene, KnowBe4 wolle dagegen, dass der Mensch die Verantwortung behält und die Agenten wirklich beaufsichtigt. Das zugrunde liegende Modell bleibe eine Blackbox, ob der Agent nun in CRM- oder Lieferkettensystemen arbeitet.
Kompetenzen für Aufsicht und Kontrolle großer Sprachmodelle aufzubauen, sei eine neue Technologieschicht, die ihrerseits überwacht werden müsse. Zur Laufzeit werde es kritischer. Agenten könnten ihr Stellenprofil missachten, und ein Vorgesetzter könne mit ihnen nicht diskutieren, sondern müsse ihr Verhalten antizipieren. Notfalls werde der Stecker gezogen, denn Blackboxen schalte man ab. Das Überwachen des Agentenverhaltens wiederum erfordere KI zur Aufsicht.
Das führt zurück zur Governance: Prozesse, regelmäßige Revisionen und das Vorrecht der Vorgesetzten. Vorgesetzte müssten lernen, schlechtes Verhalten zu erkennen, etwa mit Testkatalogen, die Probleme wie Prompt Injection abdecken. Auf der technischen Seite nennt Krämer Runtime Assurance, Testumgebungen und Security-Checkpoints. Auch den regulatorischen Rahmen sieht er auf dieser Linie. Der EU AI Act definiert wirksame menschliche Aufsicht, was bessere Risikobewertungen und Freigabeprozesse verlangt. Er zieht den Vergleich zu automatisierten Systemen für Flugzeugpiloten: Dieselbe wirksame Aufsicht gelte hier, nur eben im Kontext von KI-Risiken und -Schäden. Krämer betrachtet das als Kernkompetenz des Trainingsgeschäfts von KnowBe4 und als essenzielle Anforderung.
Vom Training zur Verhaltensmessung
Klassisches Training bleibt Teil des Ansatzes. Die erste Säule der Plattform sind Training und Simulation, die KnowBe4 seit 15 Jahren anbietet. Voice Phishing und KI-generierte Deepfakes erfordern KI-Unterstützung, und die Inhalte müssen in kleinen Portionen vermittelt werden. Wechselt jemand in eine Abteilung, verändert sich seine Risikoexposition, und das Training soll sich automatisch mitändern. Jeder Mitarbeitende hat ein individuelles Sicherheitsprofil, gespeist aus mehr als 350 Auslösern, die das Risiko erhöhen oder senken. Ziel ist, dass Awareness-Programme nicht als Pflichtübung abgehakt werden, sondern sich am tatsächlichen Risiko jeder Person orientieren, was auch die Ablehnung bei den Beschäftigten verringern dürfte.
Die zweite Säule umfasst Angriffe über E-Mail und andere Messaging-Kanäle innerhalb der Organisation, eingehend wie ausgehend, und geht auf die Übernahme von Egress zurück. Die dritte Säule befindet sich in der Tech Preview, die allgemeine Verfügbarkeit ist für nächstes Jahr geplant. Für Managed Security Service Provider (MSSPs) unterscheidet sie sich laut Krämer nicht wesentlich von heute, bietet Channel-Partnern aber viele Chancen. MSSPs könnten beginnen, über nichtmenschliche Identitäten nachzudenken, und Partner wollten dies als Service anbieten.
Der eigentliche Wert liege in der Kombination der drei Säulen und der Risk Engine, deren Ergebnisse umsetzbar seien, so Krämer. Reseller könnten damit die Workforce Security stärken, mit Belegen Upselling und Cross-Selling betreiben und KI-Sicherheit bündeln. Die meisten Organisationen wünschten sich Guardrails. KnowBe4 gibt außerdem an, dass Microsoft die E-Mail-Sicherheit des Unternehmens empfehle und diese in einem Microsoft-Vergleich besser abgeschnitten habe als Wettbewerber; das ist die Darstellung des Unternehmens.
Wie Angreifer Menschen ins Visier nehmen
Aktuelle Fälle, die Krämer analysiert hat, zeigen, warum das wichtig ist. Laut Fortra stiegen Phishing-Angriffe, die Remote-Monitoring- und -Management-Tools wie AnyDesk missbrauchen, bis September 2026 um 475 Prozent gegenüber dem gesamten Vorjahr. Opfer werden auf eine gefälschte Bankwebsite gelockt, deren „Live-Chat“ die Fernwartungssoftware herunterlädt und Kriminellen dauerhaften Zugriff verschafft; Hauptziel sind Geschäftskonten. ESET beschrieb gefälschte Sponsoring-Angebote, die YouTube-Creator auf ein falsches Partnerportal lenken, wo sie ihre Google-Zugangsdaten preisgeben. Malwarebytes dokumentierte ein gefälschtes Claude-Max-Gewinnspiel, das über ein nachgebautes Browserfenster Google-Logins abgreift, samt Countdown, der Druck erzeugt.
In allen drei Fällen zielt der Angriff auf den Menschen, nicht auf die Firewall, und die beteiligten Werkzeuge sind oft legitim oder wirken echt. Deshalb müssen technischer Schutz und geschultes, kontinuierlich gemessenes Verhalten zusammenwirken, ein Punkt, den Krämer auch mit Blick auf phishing-resistente Authentifizierung wie FIDO2 und Passkeys betont. KnowBe4 plant zu diesen Themen eine Roundtable-Diskussion in der eigenen Online-Community und der Tech Preview.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de