Weniger CISOs rechnen 2026 mit einem schweren Cyberangriff – doch KI, menschliches Risiko und Erwartungsdruck aus dem Vorstand verändern die Rolle schneller, als Budgets mithalten können, zeigt Proofpoints neue globale Umfrage unter 1.600 Sicherheitsverantwortlichen.

Sicherheitsverantwortliche werden nach eigener Einschätzung besser in ihrem Job. Weniger Chief Information Security Officers (CISOs) rechnen mit einem schwerwiegenden Cyberangriff im kommenden Jahr, und weniger berichten von einem ernsten Datenverlust als noch vor zwölf Monaten. Doch laut dem Report „Voice of the CISO 2026“ von Proofpoint verdeckt dieser scheinbare Fortschritt eine härtere Wahrheit: Das Risiko ist nicht kleiner geworden – es hat sich verlagert, in die KI-Tools, Cloud-Plattformen und Identitäten, die heute das Tagesgeschäft tragen.

Der Report basiert auf einer weltweiten Befragung von 1.600 CISOs aus 16 Ländern, die Censuswide zwischen dem 11. und 18. Mai 2026 durchführte. Er beschreibt laut Unternehmensangaben eine Branche im Übergang statt einer weiteren Eskalation. 61 % der CISOs gehen demnach davon aus, dass ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten von einem schwerwiegenden Cyberangriff betroffen sein wird – ein deutlicher Rückgang gegenüber 76 % im Jahr 2025. Auch der gemeldete materielle Datenverlust sank, von 66 % auf 53 %.

Proofpoint warnt jedoch davor, dies als gelöstes Problem zu interpretieren. 56 % der Befragten halten ihr Unternehmen weiterhin für unvorbereitet auf einen gezielten Angriff – kaum verändert gegenüber 58 % im Vorjahr. Auch klassische Bedrohungskategorien wie Ransomware, Malware und E-Mail-Betrug verloren an Bedeutung. An ihre Stelle rückt die Übernahme von Cloud-Konten als meistgenannte Bedrohung (33 %), begleitet von wachsender Sorge um Kollaborationsplattformen, KI-Assistenten und SaaS-Integrationen – also genau jene Alltagswerkzeuge, über die sensible Daten heute fließen.

KI: vom Randthema zum zentralen Auftrag

Nirgendwo zeigt sich dieser Wandel deutlicher als bei künstlicher Intelligenz. 78 % der befragten CISOs bezeichnen generative KI inzwischen als Sicherheitsrisiko, gegenüber 60 % im Vorjahr, und 77 % sorgen sich konkret um den Verlust von Kundendaten über öffentliche GenAI-Tools. Gleichzeitig geben 85 % an, die sichere Nutzung von KI-Assistenten und Copiloten habe für sie oberste Priorität, und ein ebenso großer Anteil will eigene KI-gestützte Schutzmaßnahmen einsetzen.

Viele Unternehmen reagieren mit Einschränkungen – 78 % blockieren oder begrenzen inzwischen die Mitarbeiternutzung von GenAI-Tools, gegenüber 59 % im Jahr 2025. Laut Ben McLaughlin, CISO bei Proofpoint, werde Restriktion allein jedoch nicht ausreichen, sobald KI tief in Alltagsanwendungen eingebettet ist. Die vielleicht dringlichere Zahl: 79 % der CISOs geben an, KI-bezogene Risiken managen zu müssen, ohne dass Ressourcen oder Fachwissen entsprechend mitwachsen.

Menschliches Risiko rückt ins Zentrum

Der Report dokumentiert zudem eine deutliche Verschiebung in der Wahrnehmung der größten Schwachstelle. 79 % der CISOs sehen mittlerweile menschliches Risiko als größte Schwachstelle ihres Unternehmens – gegenüber 66 % im Vorjahr, einer der größten Sprünge der gesamten Studie. Unter den Unternehmen mit materiellem Datenverlust wurden böswillige oder kriminelle Insider am häufigsten als Ursache genannt (46 %), gefolgt von nachlässigen und kompromittierten Insidern (je 38 %) sowie Fehlkonfigurationen von KI-Tools (37 %).

Ausscheidende Mitarbeitende erwiesen sich als besonderer Risikofaktor: 93 % der CISOs, deren Unternehmen Datenverluste erlitten, gaben an, dass abgehende Beschäftigte eine Rolle spielten – ein Hinweis, so der Report, auf die Notwendigkeit von Kontrollen über den gesamten Beschäftigungszyklus hinweg, nicht nur beim Onboarding.

Höhere Folgekosten bei tatsächlichen Vorfällen

Auch wenn die Häufigkeit von Vorfällen sinkt, scheinen sich deren Konsequenzen zu verschärfen. Bei Unternehmen mit materiellem Datenverlust stiegen behördliche Sanktionen von 34 % auf 40 %, finanzielle Verluste von 27 % auf 38 % und Wiederherstellungskosten nach einem Angriff von 32 % auf 38 %. Reputationsschäden und Diebstahl von Zugangsdaten erreichten jeweils 37 %.

Vorstandserwartungen steigen mit wachsender Übereinstimmung

Auch das Engagement der Vorstände in Sicherheitsfragen hat deutlich zugenommen: 85 % der CISOs berichten von Übereinstimmung mit ihrem Vorstand in Cybersicherheitsfragen, gegenüber 64 % im Jahr 2025 – wobei Proofpoint darauf hinweist, dass dieser Wert in den vergangenen Jahren stark schwankte, von 51 % im Jahr 2022 über 84 % im Jahr 2024 bis zum jüngsten Wiederanstieg. Vorstände bewerten Cyberrisiken zunehmend in geschäftlichen Kategorien: Auswirkungen auf den Unternehmenswert (42 %) sowie Ausfallzeiten und Reputationsschäden (je 38 %) stehen an der Spitze der Vorstandssorgen.

Diese verstärkte Aufmerksamkeit hat ihren Preis. 77 % der CISOs empfinden die an ihre Rolle gestellten Erwartungen als übermäßig, gegenüber 66 % im Vorjahr. Burnout ist zwar leicht rückläufig – von 66 % im Jahr 2024 auf 57 % in diesem Jahr –, betrifft aber weiterhin mehr als die Hälfte der Berufsgruppe.

Regional zeigten sich deutliche Unterschiede. Indien wies bei nahezu allen Kennzahlen die höchsten Werte auf, darunter KI-Risiko (92 %), menschliches Risiko (93 %) und Angriffswahrscheinlichkeit (94 %). Frankreich zeigte die stärkste restriktive Reaktion auf GenAI (95 % Blockierung oder Einschränkung), während Japan durchgängig die niedrigsten Sorgenwerte meldete.

Proofpoint zieht das Fazit: Am besten aufgestellt seien 2026 jene Unternehmen, die KI-Einführung mit angemessener Governance verbinden – und ihren CISOs die Befugnisse und Ressourcen geben, die ein zunehmend geschäftsorientierter und komplexer werdender Auftrag erfordert.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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