Das Esslinger Deep-Tech-Unternehmen ExpectedIT entwickelt mit LPool eine Chip-Interconnect-IP, die CPU, Speicher und Storage über ganze Rechenzentrums-Racks hinweg poolen soll, wie auf der IT Press Tour gezeigt.
Das in Esslingen am Neckar ansässige Unternehmen ExpectedIT entwickelt eine Chip-Interconnect-Technologie, die eine der zentralen Engpässe moderner KI-Infrastruktur adressieren soll: die Bewegung von Daten zwischen Prozessoren, Arbeitsspeicher und Storage innerhalb von Rechenzentrums-Racks.
Das Kernprodukt des deutschen Deep-Tech-Unternehmens heißt LPool und ist lizenzierbares geistiges Eigentum, das laut Unternehmensangaben eine hardwarekohärente Speicherdomäne über ein gesamtes Rack aus CPUs hinweg schafft. Statt jeden Server als isolierte, über konventionelle Netzwerktechnik verbundene Einheit zu behandeln, soll LPool es Betreibern ermöglichen, Rechenleistung, Speicher, Storage und Netzwerkbandbreite über mehrere Server hinweg als eine gemeinsame Ressource zu nutzen.
Laut Unternehmensangaben zielt der Ansatz auf einen Engpass, der mit dem Wachstum von KI-Workloads zunehmend spürbar wird: eine ineffiziente Datenbewegung zwischen Komponenten, die Hardwarekosten in die Höhe treibt, GPU-Kapazitäten ungenutzt lässt und begrenzte Ressourcen wie Arbeitsspeicher belastet. ExpectedIT erklärt, die Architektur optimiere die Leistung auf Rechenzentrumsebene statt innerhalb einzelner Server, wodurch sich die GPU-Auslastung steigern und der Infrastruktur-Overhead senken lasse.
Das Unternehmen nennt eigene Zahlen zur potenziellen Wirkung der Technologie, darunter eine bis zu zehnfach schnellere Job-Fertigstellung, eine um bis zu 50 Prozent reduzierte Hardware- und Energiekosten sowie eine bis zu neunfach höhere KI-Inferenzleistung pro Watt im Vergleich zu konventionellen GPU-Server-Architekturen. ExpectedIT verweist zudem auf ein mögliches CO2-Einsparpotenzial von bis zu 50 Prozent und spricht von einem Einsparpotenzial in Milliardenhöhe im Rechenzentrumsmaßstab. Diese Angaben stammen vom Unternehmen selbst und wurden nicht unabhängig verifiziert.
ExpectedIT positioniert LPool als kompatibel mit bestehender Hardware und betont, die Technologie erfordere keine proprietäre Bindung an einzelne Anbieter, sondern lasse sich in bereits vorhandene Infrastruktur integrieren.
Führung und Ursprung
Die technischen Wurzeln des Unternehmens liegen bei IBM, wo Mitglieder des Gründerteams an der Interconnect-Fabric des Supercomputers Blue Gene/Q sowie an POWER8 CAPI, einer kohärenten Beschleuniger-Schnittstelle, mitgewirkt haben. Laut Unternehmensangaben hält das Team mehr als 100 Patente im Bereich Interconnect-Technologie.
Burkhard Steinmacher-Burow, Mitgründer des Unternehmens, war seit Juli 2021 CEO, bevor er im April 2026 in die Rolle des Chief Product Officer wechselte. Vor der Mitgründung von ExpectedIT verbrachte er mehr als zwei Jahrzehnte bei IBM, unter anderem als Senior Technical Staff Member in der Entwicklung von Workload-Software und Server-Hardware sowie zuvor als Research Staff Member am T.J. Watson Research Center von IBM, wo er an der Blue-Gene-Reihe der Supercomputer arbeitete.
Klas Moreau kam im April 2026 als CEO zu ExpectedIT. Laut Unternehmensangaben bringt er mehr als 25 Jahre Führungserfahrung in internationalen Deep-Tech-Unternehmen mit und war zuvor CEO des schwedischen Chip-Unternehmens ZeroPoint Technologies.
Finanzierung und Roadmap
ExpectedIT hat eine erfolgreiche Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen und bereitet eine Series-A-Runde vor. Laut Unternehmensangaben soll die Runde rund 20 Millionen Euro einbringen, mit einem angestrebten Abschluss im Oktober 2026 – wobei sich Zeitpläne für Frühphasenfinanzierungen erfahrungsgemäß häufig verschieben.
Das Unternehmen wird von der Europäischen Union über den European Innovation Council (EIC) unterstützt, nachdem es nach eigenen Angaben in einem wettbewerbsintensiven Verfahren ausgewählt wurde. Zudem nennt ExpectedIT Vinton Cerf, der weithin als Mitgestalter der grundlegenden Internetprotokolle gilt, als Berater.
ExpectedIT beschäftigt derzeit rund 20 Mitarbeitende, größtenteils Ingenieurinnen und Ingenieure in der Region Stuttgart, und will die Belegschaft nach eigenen Angaben verdoppeln. Intern hat sich das Unternehmen das Ziel gesetzt, bis Ende 2027 einen LPool-Chip der ersten Generation bereitzustellen; die Produktion soll 2028 folgen.
Auf der kommerziellen Seite befindet sich ExpectedIT nach eigenen Angaben im Austausch mit Chipherstellern wie Intel, AMD und Arm sowie mit Hardwarepartnern wie Samsung und Dell und hat erste Gespräche mit Hyperscalern wie Microsoft und Meta geführt. Das Unternehmen erklärte, Intel habe ihm vor Kurzem Zugang zu einer für die Technologie relevanten Schnittstelle gewährt. Zudem nannte ExpectedIT das britische Unternehmen Fractal Rain als Partner. Keines der genannten Unternehmen hat eine Partnerschaft mit ExpectedIT öffentlich bestätigt.
Technischer Ansatz
ExpectedIT argumentiert, dass etablierte Interconnect-Ansätze wie Ethernet und PCIe für das Ausmaß der Datenbewegung, das große KI-Workloads erfordern, allein nicht ausreichen. Das Unternehmen beschreibt PCIe als nützliche, aber begrenzte Schicht und erklärt, LPool solle die faktischen Grenzen zwischen Servern innerhalb eines Racks aufheben, statt lediglich die Verbindungen zwischen ihnen zu optimieren. In der Darstellung des Unternehmens lassen sich so CPUs, Speicher und Storage, die andernfalls ungenutzt in getrennten Servern lägen, als gemeinsamer Pool nutzen.
Das Unternehmen bringt dieses Konzept mit einem von ihm beschriebenen Wandel bei KI-Workloads in Verbindung: von chatbasierten Anwendungen über autonome Agenten hin zu, wie es das Unternehmen nennt, Inference-Time-Learning, bei dem Modelle anhand großer Replay-Buffer kontinuierlich aus Interaktionen lernen. Solche Workloads seien zunehmend speicher- und CPU-gebunden statt primär durch GPU-Rechenleistung limitiert, was laut ExpectedIT das Argument für rack-weites Ressourcen-Pooling stärke.
Moreau, der zuvor bei ZeroPoint Technologies tätig war, erklärte, er sei zu ExpectedIT gestoßen, um die Technologie von einem frühen Durchbruch zu einem breiteren industriellen Einsatz zu führen, und nannte die Kombination aus Timing, Technologie und Team als zentral für dieses Ziel.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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