Auf der IT Press Tour in Palo Alto präsentierte VergeIO unter dem neuen CEO Parag Patel sein Infrastruktur-Betriebssystem, mit Fokus auf VMware-Migration, alternde Server und lokale KI.

VergeIO will Kunden gewinnen, die ihre VMware-Umgebung unter der Broadcom-Lizenzierung überdenken: ein Infrastruktur-Betriebssystem, das vorhandene Server zu einer vollständigen Plattform macht. Auf der IT Press Tour #70 in Palo Alto stellte der Anbieter am 7. Oktober 2026 seinen Kurs unter dem neuen CEO Parag Patel vor.

CEO Parag Patel hat das Amt vor rund einem Monat übernommen. Er verbrachte etwa die Hälfte seiner Laufbahn bei VMware, wo er das Partner-Ökosystem aufbaute und später den weltweiten Vertrieb für vSAN leitete. Aus seiner Sicht hat sich der Markt neu geöffnet: Rund 300.000 Kunden weltweit wollen sich vom etablierten Anbieter lösen, während Broadcom und Nutanix um die obersten 10.000 Enterprise-Kunden ringen. VergeIO zielt zunächst auf den Mittelstand, auch in Deutschland. Laut Patel erwartet das Board ein Umsatzwachstum von acht- auf neun- und zehnstellige Beträge; frisches Kapital sei vorhanden. Das Unternehmen hat neue Board-Mitglieder gewonnen, darunter den früheren VMware-CTO Kit Colbert, und baut ein EMEA-Vertriebsteam unter Rémi Bargoing auf. Patel kündigte einen stark channel-orientierten Ansatz mit lokalen Mitarbeitern und lokalem Support an.

Technisch vereint VergeOS Hypervisor, Storage, Netzwerk, Backup und Disaster Recovery laut Unternehmen in einer Codebasis von weniger als 400.000 Zeilen. CMO George Crump nannte eine um 25 bis 30 Prozent höhere VM-Dichte pro physischem Server. Lizenziert wird pro physischem Server, unabhängig von Sockets, Cores oder Kapazität; VergeIO beziffert die Ersparnis gegenüber VMware auf 45 Prozent. Als Referenz nannte Crump Topgolf, das seine Infrastruktur laut seinen Angaben an jedem der 110 Standorte von sechs VxRail-Servern auf drei Standard-Server von Dell verkleinert hat.

Bei der Migration setzt VergeIO auf ein Vorgehen Server für Server ohne Big Bang: VMs werden von einem Host heruntergezogen, der Host wird mit VergeOS neu aufgesetzt, und der Vorgang wiederholt sich. Laut Crump kommt etwa die Hälfte der Kunden ohne zusätzliche Hardware aus. In einer Demo wurde eine VM über einen Konnektor aus vSphere gesichert, importiert und nach nur einer Controller-Änderung gebootet. Auf die Änderungen von Broadcom an der VDDK-Schnittstelle angesprochen, sagte Patel, VergeIO sei bislang nicht betroffen und habe Umgehungslösungen parat, darunter Tools von Drittanbietern.

Bei steigenden Speicher- und Flash-Preisen ist die Wiederverwendung von Hardware die zweite Säule. VergeOS mischt Hersteller und Servergenerationen in einem Cluster; Patel verwies auf VxRail-Nutzer, die ihre Systeme leeren, VergeOS installieren und die Wartung über Drittanbieter verlängern können. Der britische Hersteller Formica hat seine Server Berichten zufolge bis 2034 neu abgeschrieben. Eine Demo zeigte den Kostenhebel: Zu den Marktpreisen vom September 2026 (706 US-Dollar pro TB für NVMe, 56 US-Dollar pro TB für Festplatten) senkte das Verschieben einer laufenden SQL-Server-Datenplatte auf die HDD-Stufe die Speichermedienkosten der VM von 263 auf 133 US-Dollar, also um 49 Prozent. Der Wechsel dauerte etwa eine Sekunde, während die Daten im Hintergrund wanderten und die Last von rund 80.000 Zeilen pro Sekunde weiterlief. Crump räumte ein, dass Festplatten nicht an Flash heranreichen und der RAM-Cache einen Teil des Effekts abfedert. Er bevorzugt, dass Administratoren die Tiers manuell steuern, statt auf automatisches Tiering zu setzen.

Über die Migration hinaus verkauft VergeIO Mandantenfähigkeit: Virtuelle Rechenzentren geben Abteilungen oder Kunden isolierte Compute-, Storage-, Netzwerk- und Schutzressourcen. Crump argumentierte, das begrenze die Ausbreitung von Ransomware und vereinfache Disaster Recovery, weil die Replikation eines virtuellen Rechenzentrums Netzwerk- und Speichereinstellungen mitnimmt. Verteilte Standorte seien ein Kernanwendungsfall; laut Anbieter läuft jeder Standort mit derselben Version und wird mit Terraform, Ansible und Packer automatisiert.

Das dritte Thema ist KI-Souveränität. Modelle laufen auf GPUs im eigenen Mandanten des Kunden, und GPU-Ressourcen lassen sich über NVIDIA MIG pro virtuellem Rechenzentrum zuweisen. In einer Demo baute ein Agenten-Framework mit lokalem Modell über die VergeOS-Kommandozeile in rund sechs Minuten 20 Ubuntu-VMs und löschte sie anschließend wieder. In einer weiteren analysierte ein lokales Modell anonymisierte Webinar-Daten auf zwei Consumer-GPUs für je etwa 600 US-Dollar, mit rund 110 Tokens pro Sekunde. Dave Vincent bezeichnete dies als Technologie-Demo. In Europa, so Crump, sei Souveränität der Auslöser, in den USA seien es die Token-Kosten. Patel argumentierte, der lokale KI-Betrieb könne Gebühren pro Token ersetzen, eine Aussage, die von Workload und Hardware abhängt.

Beim Thema Ransomware verweist das Unternehmen auf IO Fortify, das das Wachstum neuer Daten überwacht, sowie auf unabhängige Snapshots. Schon ein Anstieg um wenige Prozent solle laut Crump einen Alarm auslösen, woraufhin ein Snapshot zurückgespielt werden kann. Veeam wird unterstützt, dennoch nannte Crump eine separate Backup-Kopie Best Practice.

Das größte Hindernis sei laut Crump nicht Preis oder Funktionsumfang, sondern überhaupt in die Evaluierung zu gelangen. Details zur Roadmap der kommenden zwölf Monate nannte das Unternehmen nicht.

Für Storage-Reseller in DACH wird der geplante Ausbau des EMEA-Vertriebskanals im Auge zu behalten sein, da es sich um eine interessante Technologie handelt, die in der DACH-Region bislang noch kaum vertreten ist.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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