Kay Ernst, Manager DACH Zero Networks
Das Ausnutzen von Schwachstellen hat sich laut aktuellen Branchenberichten zum häufigsten Einfallstor für Angreifer entwickelt. Der Sicherheitsanbieter Zero Networks führt dies auf den Einsatz KI-gestützter Analysetools zurück und plädiert für eine stärkere Gewichtung proaktiver Eindämmungsmaßnahmen gegenüber klassischen Patch-Zyklen.

Die Ausnutzung von Schwachstellen ist laut mehreren aktuellen Branchenberichten zur häufigsten Methode für den Erstzugang zu Unternehmensnetzwerken geworden. Der M-Trends Report 2026 von Mandiant führt 32 Prozent der Erstinfektionen auf Exploits zurück. Im Data Breach Investigations Report (DBIR) 2026 von Verizon ermöglichte die Ausnutzung von Schwachstellen in 31 Prozent der untersuchten Vorfälle den Erstzugang – ein Anstieg von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Anbieter Zero Networks bringt diese Entwicklung mit dem Aufkommen KI-gestützter Tools zur Schwachstellenforschung in Verbindung, die Exploits nach Unternehmensangaben in einer Geschwindigkeit und einem Umfang identifizieren und generieren können, die menschliche Teams nicht erreichen. Auch OpenAI hatte Sicherheitsverantwortliche bereits zur Umsetzung von Netzwerksegmentierung aufgefordert. Der IBM-Bericht „Cost of a Data Breach 2026″ beziffert die finanziellen Folgen: KI-gestützte Angriffe erhöhen die durchschnittlichen Kosten eines Datenlecks demnach um rund eine Million US-Dollar.

Kay Ernst, Director DACH bei Zero Networks, sieht dadurch traditionelle Abläufe im Schwachstellenmanagement unter Druck. Das Zeitfenster zwischen Entdeckung und Ausnutzung einer Schwachstelle tendiere angesichts der Flut an Patches gegen null, während Teams gleichzeitig die Systemverfügbarkeit sichern müssten. Nach Einschätzung von Ernst sollten Unternehmen deshalb proaktiver Eindämmung Vorrang vor reiner Patch-Geschwindigkeit einräumen.

Als Ansatz nennt Zero Networks identitätsbasierte Mikrosegmentierung: Sie schränke den Zugriffsbereich eines kompromittierten Systems ein und verschaffe Teams so mehr Zeit, Patches vor der Bereitstellung zu testen, ohne Unternehmen währenddessen ungeschützten Schwachstellen auszusetzen. Die unternehmenseigene Lösung Breach Map soll dabei helfen, Schwachstellen und gezielte Abmilderungsmöglichkeiten zu identifizieren.

Als Best Practices nennt das Unternehmen unter anderem die Priorisierung nach Geschäftsrisiko statt allein nach CVSS-Wert, die standardmäßige Sperrung unnötiger Zugriffspfade per Mikrosegmentierung, gezielte Zugriffsregeln während der Patch-Validierung sowie eine architektonisch verankerte Eindämmung, die nicht von der vorherigen Erkennung eines Exploits abhängt.

Schwachstellenmanagement zählt zu den 18 kritischen Kontrollen im CIS Cybersecurity Framework und umfasst klassischerweise vier Phasen: Identifizierung betroffener Ressourcen, Bewertung und Priorisierung nach Schweregrad und Geschäftskontext, Behebung durch Patches oder mildernde Maßnahmen sowie abschließende Überprüfung.

Das klassische Patch-Management folgte bislang einem planbaren Ablauf: Ein Hersteller meldet eine Schwachstelle unter einer CVE-Nummer, veröffentlicht einen getesteten Patch und stellt ihn nach festem Zeitplan bereit – etwa im Rahmen von Microsofts monatlichem „Patch Tuesday“. Dieser Zyklus setzte laut Zero Networks voraus, dass zwischen Entdeckung und massenhafter Ausnutzung Wochen bis Monate vergehen. Diese Annahme gerate zunehmend ins Wanken: Im Juli 2026 veröffentlichte Microsoft mit 570 Fixes, darunter drei Zero-Day-Schwachstellen, nach eigenen Angaben den umfangreichsten Patch Tuesday seiner Geschichte – ein mehr als dreifacher Anstieg gegenüber April.

Für Sicherheitsverantwortliche, die primär auf Patching setzen, ergibt sich laut Zero Networks ein Zielkonflikt: entweder unvalidierte Updates zügig einspielen oder priorisierte Patches länger testen und dabei höhere Risiken in Kauf nehmen – in beiden Fällen zulasten der Betriebskontinuität.

Laut einer IBM-Studie planen 85 Prozent der Unternehmen als Reaktion auf KI-gestützte Bedrohungen höhere Sicherheitsausgaben. Zero Networks argumentiert, zusätzliches Budget allein verschaffe keinen Vorteil, solange es in bestehende Strategien fließe. Nötig sei stattdessen eine „Containment First“-Architektur, die Angriffe unabhängig von Geschwindigkeit und Zugangsvektor eindämmt.

Zero Networks bietet nach eigenen Angaben eine automatisiert implementierbare Mikrosegmentierungslösung an, die Ransomware und laterale Bewegungen im Netzwerk unterbinden soll, kombiniert mit Identitätssegmentierung, Zero-Trust-Netzwerkzugang und netzwerkseitiger Multi-Faktor-Authentifizierung.

Angesichts KI-gestützter Exploit-Entwicklung und wachsender Patch-Volumina rückt aus Sicht von Zero Networks die architektonische Eindämmung stärker in den Fokus von Sicherheitsstrategien – als Ergänzung, nicht als Ersatz für klassisches Patch-Management.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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