Zwei deutsche Mittelständler bündeln Angriffserkennung, Segmentierung und sicheren Fernzugriff auf einer Hardware-Plattform – laut Unternehmensangaben eine Antwort auf den wachsenden regulatorischen Druck bei kritischen Infrastrukturen.

Betreiber kritischer Anlagen sind gesetzlich zur Angriffserkennung verpflichtet, doch ein separates Monitoring-Gerät an jedem Standort ist teuer. Die consistec Engineering & Consulting GmbH und die ads-tec Industrial IT GmbH wollen diese Last nehmen: Ihre gemeinsame Lösung betreibt die Erkennungssoftware caplon© als Docker-Container direkt auf der Industrial Router Firewall von ads-tec.

Die Mitte September angekündigte Partnerschaft erläuterten auf der it-sa 2026 in Nürnberg consistec-Gründer Thomas Sinnwell und Simon Göggel, Leiter Produktmanagement, ads-tec Industrial IT GmbH sowie ads-tec CFO Stefan Greiner. Laut den Unternehmen läuft die caplon©-NDR-/IDS-Probe auf der IRF-Serie der Industrial Router Firewalls. Die Appliance bindet den Standort per LTE und VPN an eine zentrale caplon©-Instanz an, filtert vor Ort auf Layer-3-Ebene und teilt das Netz in bis zu acht Segmente. Ein separates Monitoring-Gerät entfällt, was nach Aussage von Sinnwell die Folgekosten senkt. Anomalien erkennen und beheben, segmentieren und Updates zentral ausrollen: Diese Funktionen bündeln die Partner.

Für consistec knüpft das Projekt an eine lange Geschichte an. Das Unternehmen ist 26 Jahre alt und aus einem Engineering-Büro hervorgegangen, das Hilfsmittel für Kunden baute. Die Snowden-Enthüllungen 2013 gaben den Anlass, Monitoring-Systeme zu entwickeln, die den Abfluss von Daten erkennen können, sagt Sinnwell; aus dieser Arbeit entstand die Plattform caplon©. Monitoring, darunter VoIP-Monitoring, ist heute das Kerngeschäft. Cybersicherheit werde heute stark durch Regulierung getrieben, so Sinnwell, wobei KI und maschinelles Lernen eine wachsende Rolle spielten.

Göggel verweist darauf, dass Docker im Maschinenbau weit verbreitet ist, der Container-Ansatz also naheliegt. Die Firewall-Integration auf dem Edge nutzt Rootless Docker und deckt auch die sichere Fernwartung ab. Der Service läuft über die Plattform Big-LinX®: Statt vom Technikerlaptop ins Anlagennetz zu verbinden, wird laut ads-tec in isolierten virtuellen Serviceumgebungen mit feingranularem Rechtemanagement und lokaler Freigabe per Schlüsselschalter gearbeitet. Die Partner geben an, Kunden von der Konzeption bis zum Betrieb begleiten zu können.

Produktseitig ergänzt consistec eine Anomalieerkennung mit erklärbaren Alarmen für kritische Infrastrukturen, eine neue Netzwerkdarstellung, die Ereignisse korreliert, und eine optionale SIEM-Anbindung. Erklärbare KI sei wichtig, weil Betreiber nachvollziehbare technische Messgrößen brauchten, so Sinnwell.

Als Referenz im KRITIS-Umfeld dient eine Müllverbrennungsanlage. Die Roadmap umfasst KI für resiliente Systeme, Werkzeuge, um mehrere tausend Geräte über einen API-First-Ansatz verwaltbar zu halten, zentrale Update-Steuerung sowie eine selbstlernende Firewall für Brownfield-Anlagen. Diese soll Filterregeln automatisch erzeugen, Mikrosegmentierung ermöglichen und IT-Administratoren entlasten, sagt Göggel.

Der regulatorische Druck ist erheblich. Nach § 31 Absatz 2 BSIG müssen Betreiber kritischer Anlagen Systeme zur Angriffserkennung einsetzen, das NIS2-Umsetzungsgesetz gilt seit Dezember 2025, und die Meldepflichten des Cyber Resilience Act greifen ab dem 11. September 2026. Greiner nennt zusätzlich die Maschinenverordnung: Segmentierung innerhalb der Maschine bringt die Produktion nach einem Vorfall schneller wieder in Gang, Logging schafft Sichtbarkeit. OT-Updates müssten ohne Betriebsunterbrechung möglich sein; seine Formel lautet: keine offenen Türen. Auch im Brownfield helfe Docker, sagt er, indem Altmaschinen von unsicheren auf sichere Systeme umgestellt werden.

ads-tec baut laut Greiner seit 45 Jahren Industrie-PCs und entwickelte vor etwa 15 Jahren eine eigene Firewall-, Router- und Cloud-Lösung. Die Entwicklung erfolgt inhouse, mit rund 70 Mitarbeitenden in Nürtingen und 40 in Dresden, wo Hardware und Entwicklung angesiedelt sind. Zu den Referenzen zählen Turbinen und Krankenhäuser; als Wettbewerber nennt Greiner Siemens, während ads-tec den Fokus auf den Mittelstand betont. Zwei deutsche mittelständische Security-Unternehmen in einer Hardware: Für Greiner ist das der Kern der Partnerschaft. Sicherheit beginne mit Vertrauen, sagt er, und man begegne sich auf Augenhöhe.

consistec setzte anfangs auf Direktvertrieb und arbeitet heute mit Systemhäusern und Technologiepartnern und auch ads-tec vertreibt über Partner und Systemintegratoren. Sinnwell bezeichnet ads-tec als den Wunschpartner von consistec: Gemeinsames Ziel ist eine digital souveräne Lösung bis auf die Platine, mit der Energieversorgung als Mehrwert. Beide expandieren: In Österreich ist die Aktivität in einer frühen Phase, als Nächstes folgt Polen, und ads-tec berichtet von Gesprächen in ganz Osteuropa. Die Geopolitik habe Souveränität zu einem sehr deutlichen Kaufargument gemacht, sagt Sinnwell. consistec bezeichnet seine digital souveräne Lösung unter den OT-Wettbewerbern als einmalig.

Aus einem Angriff auf einen Kunden, der laut Sinnwell schlicht Pech hatte, zieht er die Lehre: Perimeterschutz reicht nicht, es braucht Monitoring. Greiner warnt davor, der OT das IT-Denken überzustülpen. Beide Welten blickten unterschiedlich auf die Dinge und Differenzen blieben, doch beide Seiten verstünden zunehmend, dass sie zusammenarbeiten müssen. Maßstab ist die Verfügbarkeit: Maschinen müssen laufen. Das Angebot richtet sich an Betreiber von Industrieanlagen, Energie- und Versorgungsnetzen, Wasserwirtschaft und Telekommunikationsinfrastruktur sowie an Systemhäuser und Sicherheitsberater.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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