Dr. Andreas Nauerz, Chief Product Officer IONOS
Das Technologiesouveränitätspaket der EU-Kommission benennt kritische Abhängigkeiten in Cloud- und KI-Infrastruktur und bündelt gezielte Mittel für Open-Source-Beschaffung, mehrsprachige Grundlagenmodelle und föderierte Datenräume – die Grundsatzdebatte zwischen Eigenständigkeit und globaler Integration bleibt jedoch offen.

An der Schnittstelle von Industriepolitik und Geopolitik erzwingt das EU-Technologiesouveränitätspaket eine lange aufgeschobene Auseinandersetzung. Die Abhängigkeitsanalyse der Kommission selbst stuft Europas Position in Cloud-Technologie und KI-Infrastruktur in die Kategorien „kritisch“ und „hoch“ ein – die zwei schwersten Bewertungsstufen – und stellt gleichzeitig fest, dass die öffentliche Beschaffung europäischer Alternativen „schwach“ ist. Dieser interne Widerspruch prägt alles Weitere.

Die Initiative weist 38 Millionen Euro für OpenEuroLLM aus, ein Programm zur Entwicklung wirklich offener Grundlagenmodelle in 24 EU-Sprachen. Weitere 50 Millionen Euro fließen in GenAI4EU, und 156 Millionen Euro finanzieren SIMPL, eine Plattform für föderierte Datenräume – Architekturen, die Datenaustausch ohne zentrale Kontrolle ermöglichen. Begleitet wird dies durch den Cloud and AI Dependencies Act (CADA), der einen Open-Source-First-Beschaffungsgrundsatz einführt: eine strukturelle Verschiebung, die bei konsequenter Umsetzung öffentliche Ausgaben in Richtung europäisch entwickelter Alternativen lenken könnte.

Das Abhängigkeitsbild ist nicht einheitlich. Europas Exposition gegenüber externen Anbietern ist dort am stärksten ausgeprägt, wo hoher Kapitaleinsatz und lange Entwicklungszyklen erforderlich sind: GPU-Chips, Foundation-Model-Training und die Frameworks für KI-Inferenz in großem Maßstab. In diesen Segmenten halten eine Handvoll nicht-europäischer Unternehmen Marktpositionen, die über Jahre aufgebaut wurden und sich nicht kurzfristig verdrängen lassen. Selbst Befürworter europäischer digitaler Autonomie räumen ein, dass die Abhängigkeit von Nvidia-GPUs für das KI-Training noch Jahre andauern wird – und dass öffentliche Verwaltungen und Unternehmen US-entwickelte Modelle wie GPT, Claude oder Gemini weiterhin parallel zu europäischen Alternativen nutzen werden.

Dr. Andreas Nauerz, Chief Product Officer bei IONOS und verantwortlich für die tägliche Entwicklung von KI- und Cloud-Produkten, benennt die Kernspannung präzise: „Die Frage ist nicht, ob wir souveräne Infrastruktur bauen, sondern wie wir sie in einer Welt bauen, in der Schlüsselkomponenten – GPU-Chips, Foundation Models, Trainingsframeworks – von einer Handvoll nicht-europäischer Unternehmen dominiert werden.“ Für Nauerz ist der bemerkenswerteste Befund der Kommission nicht die Abhängigkeit von Hardware oder Modellen, sondern die schwache Nachfrage seitens des öffentlichen Sektors. Europäische Alternativen existieren. Nextcloud läuft bereits auf der IONOS Cloud. EuroOffice soll noch in diesem Sommer starten. Q.ANT in Stuttgart entwickelt photonische KI-Chips mit einem Tausendstel des Energieverbrauchs konventioneller GPUs. „Es gibt gute europäische Produkte“, stellt Nauerz fest. „Was fehlt, ist die Nachfrage öffentlicher Institutionen.“

Diese Diagnose verweist auf ein strukturelles Politikversagen, das dem Souveränitätspaket vorausgeht und es überdauern wird, sofern es nicht gezielt adressiert wird. Die Beschaffungspraktiken in den EU-Mitgliedstaaten sind fragmentiert und greifen häufig auf etablierte internationale Plattformen zurück – nicht aus Mangel an Alternativen, sondern aufgrund von Pfadabhängigkeiten, Risikoaversion in Vergabestellen und dem Fehlen eines gemeinsamen europäischen Rahmens zur Bewertung und Zertifizierung heimischer Lösungen. Das Open-Source-First-Prinzip des CADA markiert eine Abkehr von diesem Muster, doch seine Wirkung hängt von der Umsetzung auf nationaler Ebene ab, wo Beschaffungsentscheidungen letztlich fallen.

Die konzeptionelle Grundsatzdebatte ist ebenso bedeutsam. Eine Strömung der europäischen Digitalpolitik hat Souveränität lange mit Autarkie gleichgesetzt: der Fähigkeit, jede kritische Komponente im Inland herzustellen. Das Technologiesouveränitätspaket stellt diese Gleichsetzung implizit in Frage, ohne die Spannung vollständig aufzulösen. Allein die Abhängigkeitsanalyse bestimmt keine Politikreaktionen. Eine Abhängigkeit, die mittelfristig nicht beseitigt werden kann – GPU-Chips sind das deutlichste Beispiel –, erfordert eine Managementstrategie, keine Realitätsverweigerung. Europäische Cloud-Anbieter werden weiterhin Dienste anbieten, die teilweise auf amerikanischer Hardware und Software basieren. Die Frage ist, wie Datenschutzregeln, vertragliche Schutzmechanismen und offene technische Standards innerhalb dieser Architektur wirksame Grenzen setzen können.

Das Modell föderierter Datenräume, verkörpert durch die SIMPL-Plattform, bietet eine Antwort. Durch die Ermöglichung des Datenaustauschs ohne zentrale Aggregation reduzieren föderierte Architekturen das Risiko einer Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und erhalten gleichzeitig die Interoperabilität, die moderne digitale Dienste erfordern. Das Gaia-X-Rahmenwerk hat versucht, ähnliche Prinzipien auf europäischer Ebene zu operationalisieren – allerdings langsamer als von seinen Architekten erwartet. SIMPL stellt eine gezieltere Investition in eine vergleichbare Richtung dar.

OpenEuroLLM adressiert eine andere, aber verwandte Frage: linguistische und kulturelle Repräsentation in KI-Systemen. Grundlagenmodelle, die überwiegend auf englischsprachigen Daten trainiert wurden, erbringen über die 24 Amtssprachen der EU hinweg ungleichmäßige Leistungen; kleinere Sprachgemeinschaften sind dabei benachteiligt. Die 38-Millionen-Euro-Zuweisung kann die Lücke zu Modellen, die mit um Größenordnungen höheren Budgets trainiert wurden, allein nicht schließen. Sie schafft jedoch eine Infrastruktur – und angesichts der Anforderung an offene Lizenzen auch ein Governance-Modell –, das weitere öffentliche und private Investitionen anziehen könnte.

Das Technologiesouveränitätspaket ist damit weder eine Erklärung digitaler Autarkie noch eine Kapitulation vor strukturellen Abhängigkeiten. Es ist ein Rahmen zur Bewältigung einer komplexen Realität: Europa bleibt in globale Technologielieferketten eingebettet, kann aber die Bedingungen dieser Einbettung durch Beschaffungspolitik, offene Standards, gezielte Investitionen und regulatorischen Hebel mitgestalten. Ob dieser Rahmen dauerhaft Wirkung entfaltet, hängt weniger von der Architektur der Kommission ab als von dem politischen Willen der Mitgliedstaaten zur konsequenten Umsetzung – und der Bereitschaft europäischer Unternehmen und Institutionen, europäische Lösungen zu wählen, wo sie vorhanden sind.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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