Bisher vor allem als Controller-Lieferant für OEM-Kunden bekannt, meldet Phison rasantes Wachstum bei Enterprise- und KI-Storage, eröffnet eine europäische Tochter in Eschborn und propagiert Flash als Speicherebene für lokale KI.

Phison will sein Image als stiller Zulieferer hinter fremden SSD-Marken ablegen. Bei der 70. IT Press Tour präsentierten Manager des taiwanischen NAND-Flash-Spezialisten ein Unternehmen, das sich inzwischen als KI-Storage-Anbieter versteht: mit neuer deutscher Tochtergesellschaft, wachsendem Enterprise-Portfolio und einer Flash-basierten Speichererweiterung für KI-PCs.

Michael Wu, Präsident von Phison U.S., lieferte die Zahlen. Laut Unternehmen lag der Umsatz im vergangenen Jahr bei rund 2,3 Milliarden US-Dollar, für dieses Jahr erwartet Phison 8 bis 9 Milliarden Dollar. Allein das erste Halbjahr brachte etwa 3,4 Milliarden Dollar ein, rund 150 Prozent des gesamten Vorjahres. Das Enterprise- und KI-Geschäft macht inzwischen knapp 40 Prozent des Umsatzes aus, ein Jahr zuvor waren es weniger als 5 Prozent. „Phison hat sich offiziell zu einem KI-Storage-Unternehmen gewandelt”, sagte Wu.

Ausgangspunkt war ein Geschäft, das selten im Rampenlicht stand. Phison, vor etwa 25 Jahren gegründet, gibt an, dass rund jede fünfte Client-SSD weltweit einen seiner Controller nutzt, oft unter fremdem Namen vermarktet. Industrie- und Embedded-Produkte tragen stabile 16 Prozent bei, das Retail-Geschäft hat an Boden verloren. Etwa 80 Prozent des Budgets fließen in die Entwicklung, mehr als 4.500 Ingenieure arbeiten für das Unternehmen. Nach früheren Unternehmensangaben hält Phison zudem mehr als 2.000 Patente, 70 Prozent der Belegschaft arbeiten in Forschung und Entwicklung.

Wu bezeichnete den Wandel als schmerzhaft. Auf USB-Sticks, SD-Karten und Consumer-SSDs folgten Industrie- und Embedded-Designs, bei denen defekte Produkte nicht einfach ersetzt werden und Ingenieure vor Ort debuggen. Enterprise ist der jüngste Schritt: Phison hat in Colorado ein Büro mit rund 30 Mitarbeitern eröffnet und investiert stark in Validierungslabore am Hauptsitz in Taiwan. Zu den Kunden zählen Serverhersteller, Anbieter von KI-Storage-Systemen und Akteure des Chip-Ökosystems. Zudem liefert Phison Boot-Laufwerke, ein Feld, dem NAND-Hersteller nach eigener Aussage geringe Priorität einräumen.

Um seine Ingenieurskompetenz zu belegen, verweist Phison auch auf ungewöhnliche Projekte. Im eigenen Blog beschreibt das Unternehmen, wie es als Storage- und Controller-Partner von Lonestar Data Holdings an der Freedom Mission beteiligt war, die nach seiner Darstellung das erste hardwarebasierte Rechenzentrum auf dem Mond hervorbrachte. Pascari-Enterprise-SSDs mit angepasster Controller-Firmware wurden unter Vakuum, Vibration und extremen Temperaturen validiert, da auf der Mondoberfläche keine Reparaturen möglich sind. Das Projekt erhielt den DevOps Dozen Award als beste DevOps-Branchenimplementierung. Diese Angaben stammen aus Phisons eigener Darstellung.

Wu sieht KI an zwei Enden begrenzt: bei der eingesetzten Energie und bei den Daten, die anschließend gespeichert werden müssen. Phison erwartet, dass die Nachfrage nach Tokens in den kommenden drei bis fünf Jahren um das rund 50-Fache wächst, während das NAND-Angebot sich nur verdoppeln dürfte. Daraus leitet das Unternehmen ab, dass KI an den Netzwerkrand wandern muss und Storage zum neuen Compute wird, weil zwischengespeicherte Ergebnisse wiederverwendet statt neu berechnet werden können.

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Wu in einem Meinungsbeitrag für das Forbes Technology Council vom März 2026, einer kostenpflichtigen Mitgliederplattform. Der Text gibt also Phisons eigene Position wieder. Wu argumentiert, KI werde weniger durch Rechenleistung und HBM-Bandbreite gebremst als durch die Geschwindigkeit, mit der Daten die Prozessoren erreichen. Für CIOs werde Storage damit zum neuen Engpass. Als Beleg verweist er auf Gartner, wonach Unternehmen im Verlauf von 2026 60 Prozent der KI-Projekte aufgeben werden, denen KI-taugliche Daten fehlen, sowie auf einen Accenture-Bericht, in dem 75 Prozent der Führungskräfte hochwertige Daten als wertvollste Zutat für bessere generative KI nennen.

Zudem unterscheidet Wu drei Phasen des KI-Lebenszyklus mit unterschiedlichen Speicheranforderungen. Das Training braucht hohen Durchsatz für parallele Lesezugriffe, reibungslosen Datentransport über Pipelines und Speicherebenen hinweg sowie schnelle Skalierung, bei Datenmengen von Petabyte bis Exabyte. Das Feintuning arbeitet mit Megabyte bis Terabyte, setzt aber auf schnelle Iteration, häufiges Checkpointing und Versionierung sowie berechenbare Leistung. Bei der Inferenz steht die Latenz an erster Stelle: Anfragen greifen auf Embeddings, Vektordatenbanken und Token-Caches zu, und dieselben Daten werden wiederholt über verteilte Knoten abgerufen. Wu ergänzt, dass immer mehr Inferenz an den Rand oder in dessen Nähe wandert, vor allem für geringere Latenz und besseren Datenschutz.

Europäische Präsenz

Europa gehört zum Plan. Am 2. September kündigte Phison mit der Phison Electronics Europe GmbH in Eschborn seine erste Tochtergesellschaft an. Ingvar Ersson, der mehr als 25 Jahre Erfahrung im Storage-Geschäft mitbringt, leitet sie als GM und President EMEA und berichtet an CEO KS Pua. Antony Zukowski, zuvor bei Distributoren wie TD SYNNEX und Arrow ECS France tätig, ist Regional Director EMEA. Das Unternehmen kombiniert direkten Enterprise-Kontakt mit Distributoren, Systemintegratoren und Partnern, und ASBIS bringt das Pascari-Enterprise-SSD-Portfolio über seinen Channel auf den Markt. Als erste Zielbranchen nannte Ersson Medien und Entertainment, HPC, Neoclouds, Kommunalverwaltung und Bildung. Phisons CTO ergänzte, europäische Kunden reagierten positiv auf kundenspezifische Produkte, die größere Anbieter oft ablehnten.

Der Channel nimmt bereits Gestalt an. Im Januar sicherte sich die Zstor GmbH aus Kaarst die Distributionsrechte für Phisons Enterprise-NVMe-SSDs der Pascari-Reihe in Europa. Zstor positioniert sich als Distributor und Systemintegrator von Speicherlösungen für Unternehmenskunden verschiedener Branchen. „Da die Nachfrage nach Hochleistungsspeichern in Europa weiterwächst, sind die Produkte von Phison, insbesondere die NVMe-M.2- und E1.S-Laufwerke, für unsere Kunden im Unternehmensbereich geeignet”, erklärte Zstor-CEO Helmut Kopel. Ein Schwerpunkt der Partnerschaft ist aiDAPTIV+, eine Phison-Technologie, die SSDs als GPU-Cache anstelle des herkömmlichen GPU-VRAM nutzt und auf die Entwicklung und Optimierung von KI-Modellen zielt.

Die Marke Pascari ist rund zweieinhalb Jahre alt. Die SSDs unterstützen PCIe Gen 5.0 und nutzen 3D-NAND-Technologie, sie richten sich an Unternehmen mit geschäftskritischen Anwendungen und hohen Anforderungen an die Skalierbarkeit. Auf der Computex zeigte Phison vier Produkte, darunter die D206V, ein QLC-Laufwerk mit bis zu 245 Terabyte, und ein für Flüssigkeitskühlung geeignetes E1-Modell. Laut Unternehmen belegte die Pascari X200B im IO500-Benchmark den dritten Platz. Über das Programm Imagine Plus können Großkunden zudem maßgeschneiderte Laufwerke und Engineering-Support vor Ort bestellen.

Bei Client-Geräten geht Phison einen anderen Weg. Die Adaptive-Technologie ergänzt Flash als Cache-Ebene neben GPU-Speicher und DRAM, während eine Middleware Modellgewichte und KV-Cache-Daten bei Bedarf verschiebt. Die Laufwerke arbeiten im Pseudo-SLC-Modus und sind für bis zu 100 vollständige Schreibvorgänge pro Tag ausgelegt, weit mehr als bei einem regulären TLC-Laufwerk. In einem Beispiel lief ein Mixture-of-Experts-Modell, das rund 24 Gigabyte Speicher benötigt, auf einem System mit 16 Gigabyte, nachdem bis zur Hälfte der Gewichte auf Flash ausgelagert wurde. Der Preis dafür ist die Geschwindigkeit, die Phison für Aufgaben, die über Nacht laufen können, für vertretbar hält. Eine Hybridvariante mit Pseudo-SLC-Partition bedient Laptops, die nur einen einzigen M.2-Steckplatz bieten. Unter Verweis auf Gartner erwartet das Unternehmen, dass die Token-Nutzung in diesem Jahr um das Fünf- bis Dreißigfache steigt, weil KI vom Chat zu Agenten wechselt, und dass 55 Prozent der PCs KI-PCs sein werden. Auf der Computex kündigte es eine Zusammenarbeit mit Intel an, acht PC-Hersteller prüfen die Technologie.

Von Jakob Jung

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM. Kontakt – Contact via Mail: jakob.jung@security-storage-und-channel-germany.de

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