IT Press Tour: Das in Tallinn ansässige Unternehmen Leil hat offiziell Leil OS vorgestellt — ein Speicherbetriebssystem, das von Grund auf für Shingled Magnetic Recording (SMR) entwickelt wurde.
Eine Softwarelücke, die offen zutage liegt
Mehr als die Hälfte aller weltweit ausgelieferten Hochkapazitätsfestplatten nutzt heute Shingled Magnetic Recording (SMR) — eine Aufzeichnungstechnik, die Spuren überlappend anordnet, um die Flächendichte zu erhöhen, und dabei rund 20 bis 25 Prozent mehr nutzbare Kapazität pro Laufwerk zum gleichen Fertigungspreis bietet. Dennoch wurde die überwiegende Mehrheit der Enterprise-Speichersoftware für eine vollständig andere physikalische Realität entwickelt: Flash. Rotierende Medien werden dabei oft kaum mehr als langsame Solid-State-Speicher behandelt. Das Ergebnis ist eine strukturelle Diskrepanz, die seit Jahren still und leise die Wirtschaftlichkeit von Rechenzentren untergräbt.
Aleksander Ragel, CEO und Mitgründer des estnischen Speichersoftware-Unternehmens Leil, bringt es auf den Punkt: Hyperscaler wie Google, Meta und Amazon haben jahrelang maßgeschneiderte Software-Stacks entwickelt, um die Dichtevorteile von SMR zu nutzen. Die übrigen 90 Prozent des Marktes — Unternehmen, Dienstleister, Supercomputing-Zentren, Medienorganisationen — waren darauf angewiesen, Allzwecksoftware auf Hardware zu betreiben, die sie nicht vollständig ausschöpfen konnten.
Leil wurde 2022 in Tallinn gegründet, um diese Lücke zu schließen. Nach rund drei Jahren Entwicklungsarbeit stellte das Unternehmen am 1. April 2026 offiziell Leil OS vor: ein Speicherbetriebssystem, das von Grund auf für die physikalischen Eigenschaften moderner Hochkapazitätsfestplatten konzipiert wurde — mit nativer SMR-Unterstützung auf verteiltem Petabyte-Niveau.
Was die Software konkret leisten kann
Der zentrale technische Ansatz besteht darin, alle Schreibvorgänge in große, ausgerichtete sequenzielle Datenströme zu serialisieren — das einzige Muster, das SMR-Laufwerke effizient verarbeiten. Legacy-Dateisysteme erzeugen typischerweise kleine, zufällige I/O-Vorgänge, die zu übermäßigen Kopfbewegungen und Schreibverstärkungen führen und die Kapazitätsvorteile von SMR-Hardware praktisch zunichtemachen. Leil gibt an, 99 Prozent des theoretischen maximalen Lesedurchsatzes und rund 95 Prozent Schreibeffizienz auf SMR-Laufwerken zu erreichen — Werte, die laut Unternehmen in Tests mit zwei großen Festplattenherstellern bestätigt wurden.
Die Architektur gliedert sich in vier Schichten: eine Client-Schicht, die einen globalen POSIX-Namespace mit simultaner Unterstützung von NFS v3/v4, SMB/CIFS und S3 bereitstellt; eine Metadaten-Schicht mit Sub-Millisekunden-Metadatenoperationen über einen NVMe-Cache; eine Datenschicht, die Chunk-Platzierung und Erasure-Coding-Berechnungen — bemerkenswert — auf dem Client statt auf den Storage-Nodes durchführt; sowie eine Speicherschicht für die Verwaltung von HDD-Pools, Zoned Recording und sequenzieller Dateiablage.
Kapazität, Latenz und Energieverbrauch
Das primäre kommerzielle Argument basiert auf drei messbaren Ergebnissen. Erstens Kapazität: Durch die vollständige Verwaltung von SMR-Zonen in Software erschließt Leil OS rund 20 Prozent zusätzliche nutzbare Kapazität pro Laufwerk im Vergleich zu einem generischen Software-defined-Storage-Stack auf identischer Hardware. Bei aktuellen 32-TB-Laufwerken entspricht das rund sechs Terabyte zusätzlichem Speicher pro Disk — ohne zusätzliche Hardwarekosten.
Zweitens Zugriffslatenz: Leil positioniert das System als Nearline-Tier, das Millisekunden-Zugriffszeiten ermöglicht, ohne die 45-minütigen Roboterabrufzeiten von Bandspeichern oder die hohen Egress-Kosten von Cloud-Speicher. Das Unternehmen nennt einen Einstiegspreis von 0,99 Euro pro Terabyte und Monat für Leil OS.
Drittens Energieverbrauch: Leils proprietäre Infinite Cold Engine (ICE) nutzt den SATA/SAS Power Pin 3-Standard, um inaktive Laufwerke physisch vom Stromnetz zu trennen und zielt langfristig auf eine 70-prozentige Reduktion des Basisenergieverbrauchs. Aktuelle Deployments erzielen bereits eine sofortige Energieeinsparung von 25 Prozent.
Produktstruktur und Open Source
Leil liefert zwei Produkte auf gemeinsamer Codebasis. Leil FS ist ein Open-Core-Parallel-Dateisystem unter GPL-3.0, das über Standard-Linux-Paketquellen auf Debian und Ubuntu installiert werden kann. Leil OS ist die kommerzielle Enterprise-Distribution, ergänzt um SMR-Optimierungsengine, ICE-Energieverwaltung, webbasiertes Management-Interface, Laufwerk-Lifecycle-Telemetrie und 24/7-SLA-Support. Die Preisgestaltung ist flat-rate pro Terabyte und Monat ohne Egress-Gebühren.
Referenzdeployments und Unternehmenskontext
In Produktion sind unter anderem: ein nationaler Rundfunksender für Multi-Petabyte-Video-on-Demand-Speicher, ein regionaler Hosting-Anbieter als NAS-Ersatz für zehntausende Nutzer, Supercomputing-Zentren für nationale Digitalarchivrprojekte sowie Forschungsprogramme für autonomes Fahren mit großen Telemetrie-Datensätzen.
Leil beschäftigt 14 Personen, davon neun bis zehn aktive Entwickler. Das Unternehmen ist Seed-finanziert, hat im Herbst 2025 eine Seed-Runde abgeschlossen und gibt an, die Gewinnschwelle zu erreichen. Technologiepartnerschaften bestehen mit Western Digital, Seagate, ATTO Technology, NVIDIA, Broadcom, Intel und AMD.

Dr. Jakob Jung ist Chefredakteur Security Storage und Channel Germany. Er ist seit mehr als 20 Jahren im IT-Journalismus tätig. Zu seinen beruflichen Stationen gehören Computer Reseller News, Heise Resale, Informationweek, Techtarget (Storage und Datacenter) sowie ChannelBiz. Darüber hinaus ist er für zahlreiche IT-Publikationen freiberuflich tätig, darunter Computerwoche, Channelpartner, IT-Business, Storage-Insider und ZDnet. Seine Themenschwerpunkte sind Channel, Storage, Security, Datacenter, ERP und CRM.
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